ZEIT ONLINE: Wenn man Sie so hört, könnte man glauben, die Krisenstrategie der vergangenen vier Jahre war komplett verfehlt. 

Koo: Die Folgen der Sparpolitik sind für ganze viele Bürger verheerend. Wenn die Länder Südeuropas nicht so rigoros gespart hätten, wäre die Arbeitslosigkeit dort niemals so stark gestiegen. Sogar die Haushaltslage wäre unter Umständen besser als zu Beginn der Krise. Einfach, weil die Wirtschaft nicht so stark eingebrochen wäre.

ZEIT ONLINE: Befürworter der Strategie behaupten, Südeuropa muss sich strukturell erneuern, den Arbeitsmarkt reformieren, die Wirtschaft liberalisieren, dann kommt auch das Wachstum zurück. Würden sie dem zustimmen?

Koo: Ich habe nichts gegen sinnvolle Strukturreformen, sie können langfristig sehr positive Wirkung entfalten. Aber sie müssen zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Und strukturelle Probleme müssen die Ursache für die herrschende Krise sein. Das ist in der Eurozone aber nicht der Fall.

Ich gebe ihnen ein Beispiel: 1997 hat der japanische Ministerpräsident Ryūtarō Hashimoto die Ratschläge des Internationalen Währungsfonds befolgt und eine Reihe von Strukturreformen vorgenommen sowie eine harte Sparpolitik durchgesetzt. Raten Sie mal, was passiert ist? Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Bankensektor hat große Probleme bekommen, und das Haushaltsdefizit hat sich dramatisch erhöht. Wir haben zehn Jahre gebraucht, um uns von diesem Schock zu erholen. Dieser eine Fehler hat die japanische Rezession um mindestens fünf Jahre verlängert. 

ZEIT ONLINE: Aber wie kann verhindert werden, dass die Staaten einfach immer nur noch mehr Schulden machen?

Koo: Ich halte die Drei-Prozent-Regel im Vertrag von Maastricht für sehr klug. Sie muss unter normalen Umständen auch eingehalten werden und wer dagegen verstößt, muss hart sanktioniert werden. Aber alle paar Jahrzehnte spielt der Privatsektor eben verrückt, Spekulationsblasen platzen, und es wird in der Folge nicht mehr investiert. Dann darf der Staat nicht auch noch sparen. So einfach ist das. 

ZEIT ONLINE: Sie nennen Griechenland als große Ausnahme. Ende Januar wählt das Land zum dritten Mal seit Beginn der Krise ein neues Parlament. Wie sollte Europa mit Griechenland umgehen?

Koo: Die Griechen haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Unsinn betrieben und deutlich über ihren Verhältnissen gelebt. Hier ist die Staatsverschuldung wirklich ein Problem. Ich halte es deshalb für einen cleveren Schachzug, dass die Bundeskanzlerin gesagt hat: Ein Euro-Austritt Griechenlands ist für den Rest der Währungsunion verkraftbar. Damit bleibt der Druck auf das Land erhalten. 

ZEIT ONLINE: Sollte Griechenland den Euro wirklich aufgeben?

Koo: Wenn ich mich mit deutschen Politikern unterhalte, dann höre ich: Griechenland sei wieder ziemlich wettbewerbsfähig geworden, die Löhne seien stark gesunken. Ich halte es deshalb für fraglich, ob es für die Griechen jetzt noch sinnvoll ist, die Währungsunion zu verlassen. Vielleicht wäre das vor vier Jahren angebracht gewesen, aber heute?

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn wir mit der Sparpolitik so weitermachen wie bislang?

Koo: Die euroskeptischen Kräfte werden weiter an Einfluss gewinnen und am Ende vielleicht auch Wahlen für sich entscheiden. Ich halte den Euro für eine der größten Errungenschaften Europas. Aber mit der jetzigen Krisenstrategie ist er gefährdet.