Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist ein wenig kratzbürstig an diesem Dienstag. Ob Journalisten, EU-Kommission, irgendwie bekommen alle ihr Fett weg. Auch die Griechen. Die Regierung in Athen habe einfach ihre Zusagen nicht eingehalten: Erst wenn das zweite Reformpaket abgearbeitet sei, gebe es Geld. Dann könne man über weitere Finanzhilfen sprechen. "Ein Programmabschluss ist die Voraussetzung für alles weitere", sagt er. "Ich kann jetzt nicht 'Frohe Weihnachten' wünschen". Sicher, erstaunlich schnell hätten die Griechen nach der Wahl am Sonntag eine Regierung präsentiert – Hut ab. Und ja, die Lasten, die das griechische Volk in den vergangenen Jahren geschultert habe: wirklich enorm.

Aber trotzdem erzählt Schäuble von diesem "beeindruckenden" Vorfall aus den Hochzeiten der Finanzkrise. Bei einem Krisentreffen der Eurofinanzminister habe der damalige griechische Finanzminister Evangelos Venizelos nachts um drei – wieder einmal – zu einem Lamento angesetzt, welche harten Kürzungen das griechische Volk ertragen müsse. Und ausgerechnet dem estnischen Kollegen Jürgen Ligi, einem eher stillen Zeitgenossen, sei da der Kragen geplatzt: "Evangelos, ich kann es nicht mehr hören", habe Ligi den Griechen angefahren. Der griechische Mindestlohn liege doch noch über dem estnischen. Die Krise ist eben relativ, das ist Schäubles Interpretation des nächtlichen Vorfalls.

Knapp 3.000 Kilometer weiter südlich, in Athen, gibt Griechenlands neuer Ministerpräsident bekannt, dass der Ökonom Yanis Varoufakis neuer Finanzminister werden soll. Das Reformprogramm für Griechenland hat er schon  als "fiskalisches Waterboarding" bezeichnet. Seine Nominierung ist ein Zeichen ans griechische Wahlvolk: Seht her, einem Troika-Kritiker überlasse ich das wichtigste Ministerium Griechenlands. Aber es ist auch ein Zeichen nach Brüssel: Nehmt unsere Kritik ernst, das waren nicht nur Wahlkampfsprüche.

Beide Seiten setzen in diesen Tagen auf Symbolik. Vor allem Deutschland will klare Kante zeigen: Griechenland müsse erst einmal das aktuelle Reformpaket abarbeiten – vorher passiere gar nichts. Schäuble drückt es so aus: "Es gibt nichts Neues zu beraten".  Und überhaupt: Jedes Mal, wenn es um die Bewertung der bisherigen Fortschritte Griechenlands gegangen sei, habe die Troika feststellen müssen, dass Griechenland erneut seine Versprechen nicht komplett erfüllt habe. "Über 100 Prozent waren die nie." Vielmehr sei es so gewesen, dass ein Großteil der ausstehenden Forderungen immer wieder in die nächste Reformperiode verschoben wurde. "Großzügig waren wir immer", findet Schäuble. Doch diesmal gibt es eben einen entscheidenden Unterschied: Noch steht kein Anschlussprogramm, in das man etwas verschieben kann. Schließlich gibt es kein drittes Reformpaket und damit auch keine nächste Periode zum Wegschieben unliebsamer Aufgaben. 

Hinter den Kulissen wird bereits verhandelt

Schäuble richtet seine Botschaften nicht nur an die griechische Regierung, sondern auch an die deutschen Wähler: Wir achten auf Regeln. Was einmal abgemacht wurde, muss gelten. Prinzipientreu, das will Schäuble sein. Nicht nur, wenn es um das Erreichen der schwarzen Null im Bundeshaushalt geht. Sondern auch bei möglichen Zugeständnissen an Griechenland.

Doch zum vollständigen Bild gehört auch: Hinter den Kulissen wird bereits auf Hochtouren verhandelt. Noch vor dem Treffen der Eurofinanzminister am Montag berieten einige Ressortchefs in kleiner Runde über Griechenland – natürlich ohne Entscheidungen öffentlich zu machen. Am Freitag schon wird Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem mehr oder weniger auf eigene Faust und ohne offizielles Mandat der Eurogruppen-Kollegen nach Griechenland reisen, um Tsipras, aber auch den neuen Finanzminister zu treffen. Der Kreditgeber besucht den Schuldner: Es ist wohl ein kleines Mosaik im großen Bild. Die Eurozone will Griechenland nicht das Gespräch verweigern– auch wenn immer wieder betont wird, dass die Griechen nun am Zuge seien und sagen müssten, wie sie die ausstehenden Troika-Forderungen erfüllen wollen.

Eine Frage bleibt: Was will Griechenland jetzt?

Es sind Tage, in denen die entscheidenden Akteure durchaus unterschiedliche Signale aussenden. Schäuble etwa bleibt nicht bei seiner Rolle als verständnisvoller, aber letztlich kompromissloser Hardliner. Er gibt zu verstehen, dass er bereits ein Mandat des Bundestags habe, mit Griechenland nach einem erfolgreichen Abschluss des zweiten Reformpakets weiter zu verhandeln. Die Botschaft an Tsipras: Ein Kompromiss ist möglich. Und überhaupt: Wenn die Wirtschaft wachse, das zeigten neue Berechnungen des Internationalen Währungsfonds, würde Griechenland viel schneller seine Schuldenquote reduzieren als bislang prognostiziert. Allein schon deshalb stelle sich die Frage nach einem Schuldenschnitt nicht.

Wer bislang nicht redet, ist derjenige, über den alle reden. Was will Griechenland? Wie viel Geld ist nötig, um Renten und Gehälter weiter zahlen zu können? Will die neue Regierung das Reformpaket der Troika noch erfüllen – und wenn ja, bis wann? All diese Fragen könne nur Griechenland beantworten, sagt Schäuble. "Die brauchen jetzt von niemandem irgendwelche wohlmeinenden Ratschläge."