Erst kam er zu spät, dann sprach er zu lange, aber als er auf dem World Economic Forum in Davos redete, demonstrierte der französische Präsident François Hollande das nach dem Anschlag von Paris erneuerte Selbstbewusstsein der Franzosen. Die Grande Nation, die Hollande mehrfach beschwor, soll vorangehen im Kampf um die Freiheit und Sicherheit in der Welt. Sie soll ebenso den Weg zum Klimaschutz auf dem Planeten ebnen. Und sie soll wirtschaftlich so stark bleiben, dass sie ihren Führungsanspruch auch ökonomisch unterfüttern kann.

Im Kampf gegen den Terror habe sein Land mit Würde standgehalten, erklärte der Präsident, und da hat er recht. Frankreich hat sich wirklich als große Nation erwiesen, die ihre Werte der Freiheit und Vielfalt so friedvoll wie kraftvoll verteidigt.

So fuhr er auch fort, indem er sagte, dass der Kampf gegen den Terror auf den unterschiedlichsten Ebenen geführt werden müsse. Im Internet gegen die Ideologen. Im Finanzwesen gegen die Geldwäsche, auf staatlicher Ebene gegen die Steueroasen, im Handel gegen die falschen Waffengeschäfte, an der Grenze gegen islamistische Kämpfer.

Und Hollande wusste noch etwas: Das alles koste eine Menge Geld, während Frankreich Kosten senken und Reformen durchführen müsse. Und doch will Hollande die neue Last schultern, weil sein Land nur eine große Nation sein kann, wenn es den Erwartungen der Welt an diese Art der Führung entspricht. Ob es um Sicherheit in den Randbezirken der Städte geht, ob mehr Bildung gefragt ist oder Brücken gebaut werden müssen zwischen den Parallelgesellschaften im Land – "wir werden Mittel bereitstellen", so machte der oberste Franzose klar. Wie sein Land diese zusätzlichen Mittel schafft, das spielte eine untergeordnete Rolle.

Hollande kam vielmehr zum nächsten Teil seiner Botschaft: Dieses Jahr muss die Welt zu einem großen Pariser Klima-Abkommen finden. Mit starken Worten setzte er sich an die Spitze der Energiewende-Bewegung in Europa und auf dem Planeten. Und er verlangte von den Konzernen, dass sie Verantwortung zeigen und massiv in die grüne Wirtschaft investieren.

Das war ein starker Appell, merkwürdig schwach wurde es erst, als Hollande dazu kam, wie Frankreich sich reformieren und, in seinen Worten, "eine große Wirtschaftsmacht" bleiben will. Vornehmlich nannte er das wenige, das seine Regierung zuletzt getan hat. Leichte Steuererleichterungen für Unternehmen, leichte Flexibilisierungen am Arbeitsmarkt, leicht verbesserte Ausbildungsförderung.

Doch dann lobte er sein Land schon wieder – als das weltbeste für Start-ups zum Beispiel. Und er applaudierte seiner Regierung für ihre landestypische Industriepolitik, die nach planwirtschaftlicher Art Investitionen in Digital- und Umweltschutzunternehmen lenken will.

Es wirkte nicht so, als wolle Hollande seine verbesserten Popularitätswerte in echte Strukturreformen investieren. Wachstum erhofft er sich vom Investitionsprogramm der EU (fand er gut) und davon, dass die Zentralbank Europa mit mehr als einer Billion Euro flutet (fand er sichtbar sehr, sehr gut).

Zweimal plus, beim Anti-Terrorkampf und beim Ringen ums Klima, und einmal minus, bei der Reform- und Wachstumspolitik in Frankreich: Das wirkt wie ein Sieg, ist aber eine Niederlage für Frankreich wie für Europa.

Denn auch darin hatte der Präsident recht: Ohne eine starke Wirtschaft fallen die anderen Pläne in sich zusammen. Doch für neue Stärke kann nur Paris selbst sorgen. Es muss dafür den riesigen und gleichzeitig ineffektiven Staat renovieren. Das wäre einer Grande Nation mehr als würdig.