Ausgerechnet jetzt musste er schweigen. Eine Woche lang ist quiet period: Die obligatorische Schweigeperiode für Notenbanker vor einer Sitzung der Europäischen Zentralbank. Sicherlich würde Jens Weidmann jetzt gerne seine Meinung sagen. Denn das ist die einzige Waffe des Präsidenten der Deutschen Bundesbank im größten Kampf seiner bisherigen Amtszeit.

Am Donnerstag wird die EZB wahrscheinlich ankündigen, im großem Stil Staatsanleihen von Euro-Staaten aufzukaufen. Mehr als 500 Milliarden Euro will sie so in den Geldkreislauf pumpen, um zu verhindern, dass die Euro-Zone in eine Deflation rutscht. Jens Weidmann kämpft seit Jahren gegen ein solches Programm. Er hält es für unnötig, wenn nicht gar gefährlich: Schließlich könnte das günstige Geld den Reformwillen in Krisenstaaten ausbremsen. Ohne seinen Widerstand hätte die EZB wohl schon im vergangenen Jahr mit der "Quantitativen Lockerung" begonnen – so, wie es viele von Weidmanns Kollegen im EZB-Rat und Ökonomen fordern. Aber sie alle haben gelernt, wie hartnäckig dieser Deutsche mit dem netten Lächeln und der sanften Stimme sein kann.

Seit Weidmann 2011 mit 43 Jahren der jüngste Chef in der Geschichte der Bundesbank wurde, ist er der große Gegenspieler von EZB-Präsident Mario Draghi. Von Anfang an stellte sich Weidmann gerne quer und zeigte offen, dass er in vielen Punkten eine andere Meinung hat als Draghi. Zunächst empfanden beide das noch als professionellen Zweikampf im Dienste der richtigen Geldpolitik.

Doch inzwischen ist der Konflikt persönlich geworden. Am Rande der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds im vergangenen Oktober soll die EZB laut Nachrichtenagentur Reuters darüber informiert haben, bei welchen EZB-Entscheidungen Weidmann mal wieder den Querulanten gespielt haben soll. Die EZB bestreitet das. Trotzdem ist immer wieder zu hören, dass das Verhältnis der beiden Männer von Spannungen geprägt sei. 

"Intensive Diskussionen" sind ganz normal

Weidmann wiederum lässt sich seine Abneigung gegenüber Draghi öffentlich nicht anmerken. Seine stoische, manchmal fast dröge Art hat er in den vergangenen Jahren perfektioniert. Als Notenbanker, dessen Wort Finanzmärkte bewegen kann, will er wenig Emotionen nach außen dringen zu lassen. Lieber verteilt er unbemerkt kleine Spitzen, die oftmals nur Fachleute erkennen, etwa wenn er in einer Rede Parallelen zwischen Geldpolitik und Seifenopern zieht. Zu viel Wirbel will er nicht machen. Sicher, es gebe "intensive Diskussionen" im EZB-Rat. Das sei alles aber ganz normal, schiebt er dann hinterher. Es wäre doch schließlich komisch, wenn alle Teilnehmer bei derart komplexen und folgenschweren Entscheidungen, wie sie in der Geldpolitik üblich sind, immer einer Meinung wären.

Nur ist es eben auffällig oft Weidmann, der anderer Meinung ist. Schon im Jahr 2012 lehnte er das geplante OMT-Programm zum Kauf von Staatsanleihen überschuldeter Euro-Staaten ab. Mehrfach stimmte er gegen die Senkung des Leitzinses. Und seit zwei Jahren nun will er verhindern, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen kauft.

In Deutschland bekommt er für seinen Kurs oft Zustimmung: Weidmann, das ist der Garant für eine stabile Währung, in bester Bundesbank-Tradition. Im Rest der Welt jedoch schütteln viele den Kopf über den strengen "Herr Nein" aus Deutschland. Vielmehr werfen sie ihm sogar vor, mit seinem Anti-Kurs eine Lösung der Eurokrise zu verhindern. Ob das wirklich so ist, darüber lässt sich streiten. Fakt aber ist: Weidmanns harter Kurs hat Folgen. Er wird immer weniger ernst genommen und verliert an Einfluss.