Contango nennen Fachleute das, was gerade am Ölmarkt zu beobachten ist – und was Ölfirmen und Ölhändler umtreibt. Sie spekulieren mit dem schwankenden Ölpreis und kaufen jetzt Öl günstig ein, um es mit einem Termingeschäft teurer weiterzuverkaufen.              

Der Zeitpunkt für den Ölpoker ist ideal: Seit Juni 2014 ist der Ölpreis um 60 Prozent eingebrochen. Termingeschäfte für Rohöl, das in einem Jahr geliefert werden soll, werden heute mit einem Aufschlag abgeschlossen: Der Ölpreis für die Lieferung in einem Jahr ist bis zu zwölf Dollar höher als der aktuelle Spotpreis. Die Märkte gehen also davon aus, dass der Ölpreis mittelfristig wieder steigen wird. Diesen Preisunterschied nutzen die Händler für ihre Arbitrage-Geschäfte. Besonders finanzstarke Händler oder Produzenten bunkern sogar nur das Öl an Bord und schließen noch keinen Verkaufsvertrag für die Zukunft ab. Sie pokern, dass sie ihr Öl kurzfristig zu einem besonders hohen Preis verkauft bekommen.

Aber wohin mit dem gekauften Öl, bis die Lieferung fällig wird? Die Ölspeicher, etwa im Hafen von Rotterdam, füllen sich gerade und sind fast komplett in Hand von großen Ölfirmen wie Shell und BP. Also müssen Öltanker her. Unabhängige Händler wie Vitol, Koch Industries und Trafigura aus der Schweiz haben bereits Tanker gebucht, um Öl schwimmend zu bunkern. Bloomberg zitiert einen griechischen Tankerreeder, nach dessen Informationen Ölfirmen zurzeit auf der Suche nach freien Supertankern mit einer Kapazität von rund 20 Millionen Barrel seien. Die Beratungsfirma JBC Energy aus Wien schätzt gar, dass allein im ersten Halbjahr 2015 bis zu 60 Millionen Barrel Öl auf See gebunkert werden. 

Allerdings müssen Contango-Spieler noch die Kosten für die Lagerung abziehen. Schiffsmakler rechnen grob mit etwa sechs Dollar je Barrel. Notiert das Barrel bei einem Warentermingeschäft in einem Jahr also bei sieben Dollar pro Barrel, dann macht der Ölverkäufer einen Gewinn von einem Dollar. Die größten Öltanker der Welt haben eine Kapazität von mehr als drei Millionen Barrel.

Genaue Zahlen, wie viele Tanker schon vollgepumpt sind und in ruhigen Gewässern geparkt werden, gibt es nicht. JBC Energy aus Wien geht davon aus, dass Ölhändler bereits 22 Supertanker als schwimmende Speicher gemietet haben. Rund 45 Millionen Barrel. Reuters meldete vor Kurzem, dass der Ölhändler Vitol die TI Oceania gebucht habe, einen der größten Supertanker weltweit. Konkurrent Trafigura habe sich mit der Nave Synergy ebenfalls einen Mega-Tanker gesichert. 

Dass die Nachfrage nach schwimmenden Ölspeichern zunimmt, bestätigt ein Sprecher des internationalen Tankerverbands Intertanke. Die Charterraten – so nennen Schiffshändler die Mietpreise für Schiffe – würden derzeit steigen, weil die Nachfrage nach regulären Transporten, aber auch nach zusätzlichen Speichern zunehme. Gerade weil die Tanker zurzeit recht günstig zu mieten sind, lohnt sich das Arbitrage-Geschäft.   

Charterraten ziehen an

Genau diese Entwicklung lässt sich auf dem obigen Chart erkennen. Das Statistikportal Statista hat für ZEIT ONLINE den Ölpreis und die Charterraten für einen mittelgroßen Öltanker in einer Grafik visualisiert. Die Charterraten sind, damit die Grafik lesbar bleibt, in Tausenden Dollar angegeben: Sie lagen also Ende 2014 bei rund 36.500 US-Dollar am Tag. 

Gerade im vergangenen Jahr, aber auch zu Hochzeiten der Finanzkrise 2008/2009, zeigte sich, wie die Charterraten gestiegen sind beziehungsweise sich stabilisiert haben, als der Ölpreis fiel. Während der Finanzkrise 2009, als der Ölpreis von einem Hoch von mehr als 100 Dollar einbrach, kam es sogar zum "Supercontango". Rund 100 Millionen Barrel schipperten damals nach Reuters Informationen auf See herum. Damals schrieb das britische Boulevardblatt Daily Mail: Sharks off the British coast: Oil tankers refuse to unload until prices rise (frei übersetzt: Spekulanten vor der britischen Küste: Öltanker werden erst entladen, wenn die Preise steigen).