In seiner ersten Fernsehrede wirkt Saudi-Arabiens neuer König nicht wie ein Schwerkranker. "Jeder Mensch auf der Erde wird sterben, aber das Gesicht unseres Herrn wird bleiben", liest der fast 80-jährige Salman vom Blatt ab: langsam, aber ohne Aussetzer. Von Demenz, Parkinson, einem gelähmten Arm oder all den Krankheiten, an denen er leiden soll, ist in der Aufzeichnung nichts zu erkennen. Nur die ständigen Umschnitte zwischen verschiedenen Kameraeinstellungen könnten darauf hindeuten, dass Salman diese Rede womöglich nicht am Stück gehalten hat.

"Er kann ein paar Minuten gut funktionieren, aber dann gerät er durcheinander", sagt Simon Henderson. Er ist Saudi-Arabien-Kenner am Washington Institute for Near East Policy und einer der wenigen Westler, der tiefere Einblicke in das Herrscherhaus der verschlossenen absolutistischen Monarchie hat.

Vor rund einem Jahr soll König Salman bin Abdulaziz al Saud, Halbbruder des heute Nacht verstorbenen Abdullah, einen Schlaganfall erlitten haben. Das Herrscherhaus dementiert alle Spekulationen über eine geistige Behinderung. Aber allein Salmans Alter lässt vermuten, dass er nur ein Übergangsmann ist. Gerade jetzt bräuchte die Nation einen gesunden, durchsetzungsfähigen, starken Herrscher – steckt das streng islamische Land doch in einem tiefen Umbruch. Saudi-Arabien mag die größten konventionellen Erdölreserven der Welt besitzen. Aber es ist gespalten: in Arm und Reich, Jung und Alt, Mann und Frau, Einheimische und Gastarbeiter. Und nun, da der Ölpreis so rapide fällt, könnte dem Staat das Geld ausgehen, um die Risse zu kitten.

Es fehlen besser bezahlte Jobs

Wer Städte wie Riad oder Dschidda besucht, dem fällt sofort auf, wie arm der mit Abstand größte Ölproduzent der OPEC erscheint. Viertel stehen voller Bauruinen und eingestürzter Häuser. Auf den Straßen lungern junge Männer mit grünen Mappen unterm Arm herum – dem Signal: Ich bin auf Jobsuche. Fast ein Drittel der jungen Saudis sind arbeitslos, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Und zwei Drittel der einheimischen Bevölkerung sind höchstens 30 Jahre alt: Das Land hat eine der höchsten Geburtenraten der Welt.

So kommen jedes Jahr Hunderttausende neu auf den Arbeitsmarkt, oft ohne große Jobchancen. Einfache, schlecht bezahlte Tätigkeiten etwa im Bau oder als Taxifahrer erledigen meist die Gastarbeiter aus Pakistan, Ägypten oder Bangladesch. Sie machen mit zehn Millionen Menschen rund ein Drittel aller Einwohner aus – und sorgen nebenbei für einen dramatischen Männerüberschuss. In der Privatwirtschaft sind gerade mal 10,9 Prozent aller Mitarbeiter Saudis, steht in amtlichen Statistiken aus dem Jahr 2011; neuere Zahlen liegen nicht vor.

Besser bezahlte Jobs gibt es nicht genug – zumal die Wirtschaft noch immer ziemlich einseitig auf Erdöl und die von diesem Rohstoff abhängigen Branchen wie Petrochemie ausgerichtet ist. Die Regierung baut nun vier Retorten-Industriestädte auf, unter anderem die King Abdullah Economic City, die dereinst mehr als eine Million Einwohner haben soll. Ob die Hunderte Milliarden Dollar teuren Ansiedlungen, die teils aus dem Wüstenboden gestampft werden, ein Erfolg werden, weiß niemand.