Das Beben kam um 10.31 Uhr. Als am Donnerstagvormittag die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs von 1,20 Franken gegenüber dem Euro aufhob, war es nicht nur ein Schock für die Devisenhändler, welche die Kurven der Wechselkurse auf ihren Bildschirmen ins scheinbar Bodenlose fallen sahen. Nein, ein Tsunami raste durchs ganze Establishment des Landes. Politiker, Unternehmer, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Medien: Alle japsten sie nach Luft.

Kein Wunder – die Entscheidung kam völlig überraschend. Im September 2011 hatte die SNB den Mindestkurs eingeführt, weil der Franken damals in nur anderthalb Jahren gegenüber dem Euro 44 Prozent gewann, und seither wiederholten die Notenbankchefs mantramäßig: Wir werden den Mindestkurs mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften verteidigen. Das letzte Mal gaben sie dies noch in dieser Woche bekannt, am vergangenen Montag.

Nun aber, am Donnerstagmorgen, stürzte der Franken-Euro-Kurs auf bis zu 80 Rappen. Es war, als hätte man einer Währung den Teppich unter den Füßen weggezogen. Das heißt: Ein Franken, der bisher höchstens 0,833 Euro kosten durfte, verteuerte sich am Donnerstag plötzlich auf bis zu 1,25 Euro. Die Aktienkurse an der Börse in Zürich rasselten in den Keller, der Schweizer Aktienindex SMI fiel um bis zu zehn Prozent. Die Schweizer Firmen waren zwischenzeitlich 100 Milliarden Franken weniger wert.

Als der Notenbankchef Thomas Jordan um 13.15 Uhr vor die Presse trat, hatte sich die allererste Panik an den Märkten bereits wieder etwas gelegt. Nun pendelte der Franken knapp über der Parität zum Euro. Trotzdem: Es blieb ein Verlust von 18 Prozent.

Doch für die Ewigkeit war der Mindestkurs seit jeher nicht gedacht. So sehr die SNB betonte, man werde ihn bis aufs Letzte verteidigen, sagte sie auch immer: Wir werden den Mindestkurs bei Bedarf wieder aufheben. Bis heute hat sie mit ihren Interventionen einen Devisenberg von über 500 Milliarden Franken aufgetürmt.

Wieso aber gab die SNB die De-facto-Bindung an den Euro gerade heute auf? "Der Mindestkurs wurde in einer Zeit der massiven Überbewertung des Frankens und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt", erläuterte die SNB offiziell: "Der Franken bleibt zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung hat sich seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert."