Stundenlang Schlange stehen für ein Hühnchen

Um elf Uhr morgens brennt die Sonne bereits vom Himmel, aber Endrina González hält sich bloß ein dünnes Zeitungsblatt über den Kopf und erträgt stoisch die Hitze. Bereits seit drei Stunden wartet sie in der Schlange vor dem Lebensmittelladen, um ein Huhn zu kaufen. Ihr Haus liegt ganz in der Nähe, hier im Viertel Santa Cruz del Este in der Hauptstadt Caracas.

Sie wird noch eine Weile warten müssen, denn die Reihe der Wartenden ist sehr lang und wird nur sehr langsam kürzer. Die Leute stehen nicht nur wegen der Hühnchen an: Heute gibt es auch Putzmittel, Margarine und Maismehl für Arepas, eine Art Maisfladen und Basis der Ernährung vieler Venezolaner. González aber geht es um Geflügel. "Natürlich stelle ich mich in die Schlange", sagt sie. "Hier kostet mich das Kilo Huhn nur den staatlich festgesetzten Preis von 40 Bolívares. In den anderen Geschäften zahle ich das Zehnfache."

Seit drei Jahren mangelt es in Venezuela an Grundnahrungsmitteln, Kosmetika und Putzmitteln. Zunächst gab es ein paar Wochen lang keinen Zucker, kein Öl oder keine Milch; dann waren sie doch wieder zu bekommen. Später wurden auch Rindfleisch, Reis, Kaffee, Toilettenpapier und Waschmittel knapp – und die Zeiträume, während derer man auf die Waren warten musste, wurden länger und länger.

Heute ist die Knappheit Alltag. Schwer zu kriegen sind vor allem jene Produkte, deren Preis seit mehr als elf Jahren vom Staat fixiert ist. Es sind Grundnahrungsmittel und andere grundlegende Konsumgüter; Waren also, die vor allem die Armen benötigen.

Bankrotte Betriebe, teure Importe

Das Problem: Seit Jahren decken die staatlichen Preise die Produktionskosten nicht mehr. Die Inflation zog an, Vorprodukte wurden teurer. Aber die Regierung, gefangen in einem selbst erklärten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", weigerte sich, auch die Verbraucherpreise zu erhöhen. Zahlreiche Betriebe wurden so in die Pleite getrieben. Dem Wirtschaftsverband Fedecámaras zufolge schlossen in den vergangenen Jahren mehr als 4.000 Fabriken und 200.000 Geschäfte.

Die Regierung reagierte, indem sie die Importe erhöhte – Venezuela führt bis zu 70 Prozent der im Land verbrauchten Güter ein –, den Wechselkurs unter staatliche Kontrolle stellte und alle möglichen Unternehmen verstaatlichte. Sie enteignete Milchbauern, Hühner- und Rinderzüchter, Zuckerfabriken, Kaffeeröstereien, Maismehlproduzenten und Molkereien, und selbst die sechs Zementfabriken des Landes.

Fast alle dieser Betriebe sind heute geschlossen oder produzieren kaum noch etwas. Die Folgen sind auf den Straßen Venezuelas sichtbar, beispielsweise vor dem Laden in Caracas, wo Endrina González um ein Hühnchen ansteht.

Die staatlichen Sozialprogramme sind teuer. Allein der subventionierte Benzinpreis kostet das Land etwa zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Fast nirgendwo ist Benzin so billig wie in Venezuela: Autofahrer können für etwas weniger als einen Dollar ihren Tank füllen. Zudem blüht in einem Land, in dem sich der Staat überall einmischt, die Korruption. Vor Kurzem verschwanden 25 Milliarden Dollar im staatlich kontrollierten Wechselkurssystem spurlos. Doch so lange venezolanisches Erdöl auf dem Weltmarkt einen stolzen Preis erzielte, brauchte all das die Regierung nicht zu kümmern.

Ein Hühnchen, drei Preise

Im Kern aber funktioniert die Wirtschaft Venezuelas schon lange nicht mehr. In dem Land, das so stark von Importen abhängt, liegen die staatlich kontrollierten Preise deutlich unter jenen, die auf dem internationalen Markt verlangt werden. Ende 2014 stieg die Inflationsrate auf mehr als 60 Prozent – die staatlichen Festpreise zogen nicht mit. Die Nachfrage nach den derart künstlich billig gehaltenen Waren stieg in astronomische Höhen. Auf dem Schwarzmarkt ist der Dollar heute bis zu 30 Mal teuer, als der staatliche Wechselkurs vorgibt. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie weit die offiziellen Güterpreise neben der Realität liegen.

Zum Beispiel wenn es um das Hühnchen von Endrina González geht: Zum staatlichen Fixpreis von 40 Bolívares und auf Grundlage des offiziellen Wechselkurses entspricht das 6,30 Dollar. Wer keine Zeit hat, Schlange zu stehen und auf dem Schwarzmarkt kaufen muss, zahlt das Zehnfache – und Ausländer, die auf dem Schwarzmarkt Dollar tauschen statt in den offiziellen Wechselstuben, nur einen Bruchteil.

Die Regierung sagt, hinter dem Chaos stecke ein Wirtschaftskrieg imperialistischer und bourgeoiser Kräfte. Konkrete Verantwortliche nennt sie nicht. Es ist eine absurde Erklärung, denn der Staat selbst ist der größte Importeur, er kontrolliert die Lagerhaltung selbst privater Firmen, und er vergibt die Genehmigungen für den Transport der Waren. Wer soll für die Misere verantwortlich sein, wenn nicht die Behörden selbst?

Einkaufen, was immer zu bekommen ist

Freiheit in Ketten: Protest gegen Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro in Caracas im vergangenen Oktober © Jorge Silva/Reuters

Immer mehr Venezolaner glauben den offiziellen Erklärungen nicht mehr. Sie stehen vor den Geschäften Schlange, um einzukaufen, was sie kriegen können und so schnell sie es kriegen können, denn ihre Währung, der Bolívar, wird morgen auf jeden Fall weniger Wert sein. Und wer weiß schon, wie das Angebot der Läden am kommenden Tag aussehen wird.

So wird der Einkauf zu einer enormen Koordinierungsaufgabe. Familien, Freunde und Nachbarn organisieren sich: Wer mitbekommt, dass in der Nähe bestimmte Waren im Angebot sind, ruft die anderen an. Viele informieren sich per Twitter, Facebook oder SMS. "Meine Mutter, meine Schwester und ich kaufen alles, was wir gerade in den Läden finden. Dann tauschen wir, so haben wir immer noch ein wenig von allem vorrätig", sagt die Studentin Claudia Marcano.

In manchen Familien wechseln sich die Angehörigen tageweise beim Schlangestehen ab. Wegen der langen Wartezeiten kann der Einkauf schon einmal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen – aber kaum jemand kann es sich leisten, regelmäßig bei der Arbeit zu fehlen. Wohlhabende können ihre Hausangestellte in die Schlange schicken; Arme mit prekären Jobs haben diese Möglichkeit nicht.

Die Armen zahlen Mondpreise

Die Folge ist, dass in den Armenvierteln von Caracas der Schwarzmarkt blüht. Die staatlich kontrollierten Produkte werden dort zum Vielfachen des offiziellen Preises feilgeboten. Milchpulver kostet 400 statt 70 Bolívares, Speiseöl 70 statt 12 Bolívares, und eine einzelne Windel 20 Bolívares, obgleich der offizielle Preis für eine Packung mit 32 Stück bei 150 Bolívares liegt.

Für die Wiederverkäufer ist es ein gutes Geschäft, der ihr Überleben sichert. Andere stellen sich gegen Bezahlung in die Warteschlangen, oder sie schaffen Waren beiseite und erhalten von ihren Auftraggebern eine Gegenleistung.

Wie im Fall von Angélica Lugo, die eine bekannte Konditorei in Caracas führt. Ohne Margarine, Zucker oder Milch kann sie ihr Geschäft nicht betreiben, aber über ihre regulären Lieferanten sind diese Dinge schon lange nicht mehr zu bekommen. Nun informieren sie zwei Angestellte des nächstgelegenen Marktes Lugo, sobald neue Ware eingetroffen ist, und legen einige Packungen beiseite. Im Gegenzug können sie in der Konditorei gratis frühstücken und ihren Nachmittagsimbiss einnehmen.

Auch Nicomedes Pérez, Geschäftsführer eines Restaurants an der Küste, bezahlt drei junge Männer dafür, dass sie für ihn durch die Läden streifen und Öl, Tomatensoße und Maismehl besorgen. "Sobald sie etwas bringen, zahle ich eine Kommission. So helfen wir uns gegenseitig", sagt er.

"Regierung hat die Wirtschaft ruiniert"

Die Aussichten für Venezuela sind nicht gut. Seit drei Monaten fällt der Ölpreis; die Rating-Agenturen Moody’s und Barclays warnen vor dem Staatsbankrott. Schon Mitte März könnte es soweit sein, denn dann muss Venezuelas Regierung Kredite ablösen.

Angesichts des steigenden Drucks suchte Präsident Nicolás Maduro Hilfe im Ausland. In China, Russland und einigen Opec-Mitgliedsländern um Kredite. Die Opec müsse etwas unternehmen, um den Ölpreis wieder steigen zu lassen, forderte er. Doch abgesehen von einigen Investitionsversprechen kehrte er mit leeren Händen zurück.

Vermutlich wird Maduro keine andere Wahl bleiben, als die staatlichen Kontrollen der Wirtschaft zu lockern. Vorerst kündigte er am vergangenen Mittwoch an, den Wechselkurs teilweise zu lockern – außer für Medikamente und Grundnahrungsmittel – und den Benzinpreis zu erhöhen. Damit rührt er an einem Tabu. Doch umwälzende Reformen sind kaum zu erwarten. "Es darf keine übereilten Entscheidungen geben, die der Stabilität des Landes schaden könnten", erklärte der Präsident.

Ob das reicht? "Die Regierung hat die Wirtschaft ruiniert, als das Fass Öl noch 90 bis 100 Dollar kostete", sagt der venezolanische Ökonom Miguel Ángel Santos, der an der Universität von Harvard forscht: "Derzeit liegt der Preis bei 38 Dollar. Wenn es keine Korrekturen gibt, wird die Situation in wenigen Monaten dramatisch sein."

Anmerkung: Alle Namen wurden von der Autorin geändert, da die genannten Personen Angst vor Repressalien haben.

Übersetzung: Alexandra Endres