Die Digitalisierung der Arbeitswelt birgt nach Einschätzung der Gewerkschaft Ver.di die Gefahr, dass ganze Berufsfelder dadurch verloren gehen. Darauf müsse die Bundesregierung angemessen reagieren, sagte Ver.di-Chef Frank Bsirske. "Wir wollen die großen Herausforderungen für die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter 2015 zu einem Schwerpunkt machen", kündigte er an.

"Es gibt große Chancen und große Risiken", sagte Bsirske und bestätigte, dass diese Ambivalenz auch der Bundesregierung bewusst sei. Ver.di plane gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium, die Digitalisierung zu einem Thema von Branchendialogen mit den Sozialpartnern zu machen.

Der Gewerkschaftschef warnte vor digitaler Arbeitslosigkeit. "Die Frage ist, inwieweit auf die Automatisierung der Muskelkraft eine Automatisierung des Denkens folgt." Es gebe hohe Sparpotenziale. Die daraus entstehende Automatisierungsdividende müsse in neue Arbeitsplätze investiert werden, zum Beispiel im Erziehungs- oder im Gesundheitsbereich. Verwegen wäre es laut dem Ver.di-Chef, sich darauf zu verlassen, dass sich genug Ersatzarbeitsplätze von selbst entwickelten. "Das müssen Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften unterstützen und fördern."

Die Arbeitgeber könnten Arbeitnehmer im digitalen Zeitalter zudem viel stärker kontrollieren, bemängelte Bsirske. So könne etwa der Versandhändler Amazon erkennen, wann seine Lagerarbeiter während ihrer Schicht stehenblieben. "Und wenn man über den Laptop arbeitet, sind die Arbeitsergebnisse absolut vergleichbar." Die Tatsache, dass der Arbeitnehmer prinzipiell jederzeit von überall arbeiten könne, erhöhe ebenfalls den Druck: "Arbeitnehmer können so Autonomie gewinnen, aber gleichzeitig wird der Druck auch größer."

Als konkreten Schritt forderte Bsirske eine Festschreibung des Rechts auf Nichterreichbarkeit. Es sollte auch darum gehen, die massiv zugenommenen psychischen Erkrankungen wegen Arbeitsbelastungen ernster zu nehmen: "In Schule, Aus- und Weiterbildung muss die Fähigkeit, Grenzen setzen zu können, vermittelt werden." Die Arbeitnehmer müssten ihre Bereitschaft zur Entgrenzung der eigenen Leistung auch stärker selbst reflektieren.