Kanada ist Projektionsfläche für viele Sehnsüchte. Diese Weite! Die Bären! Die Wildnis! Und eine Einwanderungspolitik, die von einigen in Europa zum Mythos erhoben wird. Wegen des Punktesystems – so die Annahme – kommen nur die hochqualifizierten und integrationswilligen Migranten nach Kanada.

Die Realität ist komplizierter. Was Kanada mit europäischen Ländern wie Deutschland gemein hat, ist die schleichende Überalterung der Gesellschaft und die Tatsache, dass die Frauen zu wenige Kinder gebären. In Kanada deckt deshalb die Zuwanderung den größten Teil des Bevölkerungswachstums ab. Ohne Immigranten bräche der Arbeitsmarkt rasch zusammen. Die Unternehmen suchen Fachkräfte mittlerweile verstärkt im Ausland – vom Herzchirurgen bis zum fähigen Handwerker.

Doch auch in Kanada läuft die Migrationspolitik nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Auf der Suche nach den idealen Immigranten – ironisch "Designer-Immigranten" genannt – ändert die Regierung immer wieder den Selektionsprozess. Früher war es wichtig, dass Immigranten etwas Nützliches zur Gesellschaft beitrugen. Heute richtet sich Kanadas Einwanderungspolitik  sehr stark an den Bedürfnissen der Wirtschaft aus.

Nach Auffassung von Gilles Paquet, Ökonom an der Universität Ottawa, geschah das bislang mit begrenztem Erfolg: "Seit den neunziger Jahren dauert es immer länger, bis Immigranten ein ähnliches Wohlstandsniveau erreichen wie die Kanadier", sagt der Autor eines kritischen Buches über Kanadas Einwanderungspolitik.  Seiner Ansicht nach fehlt  Kanada eine Politik der aktiven Integration.

Anfang des Jahres hat Kanada sein Punktesystem zum wiederholten Male reformiert. Es belohnt weiterhin vor allem Alter, Sprachkenntnisse, Ausbildung und Arbeitserfahrung. Doch ohne Stellenangebot ist die Einwanderung selbst für Fachkräfte mittlerweile nahezu unmöglich. Die Hälfte der maximal erreichbaren 1.200 Punkte erhält ein Bewerber, wenn er ein Stellenangebot aus Kanada vorweisen kann. Angenommen die Bewerberin ist 34 Jahre alt, spricht sehr gut Französisch oder Englisch, besitzt eine Ausbildung in einem Mangelberuf wie Krankenschwester, Ingenieur oder Programmierer, dann hat sie die Arbeitserlaubnis quasi in der Tasche.

Föderalismus als Stolperstein

Auf einer Regierungswebseite werden die Berufsprofile gewünschter Immigranten präsentiert. Arbeitgeber und Behörden suchen sich dann unter den Bewerbern die geeigneten Kandidaten heraus. Fachkräfte aus dem Ausland gelangen so auf Stellen, für die Kanadier fehlen. Das Programm heißt Express Entry, weil die Kandidaten wegen ihrer Eignung nach wenigen Monaten einwandern können. Mit Express Entry kommt die größte Zahl von Einwanderern nach Kanada.

Allerdings haben es auch gut ausgebildete Immigranten haben oft nicht leicht – und schuld daran ist der kanadische Föderalismus. Zwar wird die Ausbildung im Ausland beim Selektionsprozess angerechnet, doch die Behörden in den Provinzen und Territorien erkennen die meisten Ausbildungen, Berufsdiplome oder Universitätsabschlüsse bisher nicht an. Oft müssen die Immigranten einen Teil oder die gesamte Ausbildung nochmals durchlaufen, sonst können sie nicht in ihrem Beruf oder nur als Hilfskräfte in Kanada arbeiten. 

Der Taxi fahrende Akademiker aus Indien oder der Oberarzt aus Pakistan, der im Krankenhaus die Böden schrubbt, sind deshalb kein Klischee. Eingewanderte Krankenschwestern zum Beispiel werden zuerst als Hilfspflegerinnen beschäftigt, müssen dann mehrere Kurse absolvieren und schließlich eine Prüfung ablegen. Erst dann dürfen sie als staatlich geprüfte Krankenschwester arbeiten. Die kanadischen Gewerkschaften schützten auf diese Weise ihre Mitglieder und deren Arbeitsplätze gegen ausländische Konkurrenz, sagt Zuwanderungsexperte Gilles Paquet. Diese Diskriminierung führe jedoch zu "enormer Frustration" bei vielen Immigranten.