Die radikalere These ist: Es gibt nicht trotz des Booms mehr Arme in diesem Land. Vielmehr war der Boom nur möglich, weil die Wirtschaft mehr Menschen in die Armut gedrängt habe. Es gibt einige Forscher, die diese Meinung vertreten und mit Zahlen belegen. Zum Beispiel die Juristin Helga Spindler, Professorin für Sozial- und Arbeitsrecht an der Universität Duisburg-Essen, sie sagt: "Die Armutsentwicklung hat nicht automatisch etwas mit Konjunktur, steigenden Gewinnen und Erträgen zu tun, sondern hängt natürlich davon ab, ob das Geld auch an Arbeitnehmer und Dienstleister weitergegeben wird."

Arm trotz Arbeit

Das sei aber nicht der Fall. Laut Armutsbericht der Bundesregierung verdienten in den 1990er Jahren 17 Prozent der Beschäftigten Niedriglöhne. Heute seien es bereits 23 Prozent, die weniger als 9,15 Euro pro Stunde erhalten. Über zwei Millionen Erwerbstätige bekämen sogar weniger als sechs Euro die Stunde, mahnt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Das durchschnittliche Monatsbrutto eines Vollzeitbeschäftigten beträgt 2.575 Euro, das sind rund 1.650 Euro netto. In einigen Branchen aber liegt es noch weit darunter: Im Handel und Bau sind eher 1.500 Euro die Regel – brutto wohlgemerkt. Und im Gastgewerbe sind 1.094 Euro der Schnitt. Dazu kommen noch knapp eine halbe Million Kleinselbständige, die oft sogar für nur fünf Euro die Stunde schuften.

Das führt dazu, dass hierzulande etwa drei Millionen Menschen "arm trotz Arbeit" sind, sagt Armutsforscher Huster. Das sind 25 Prozent mehr als noch 2008, bestätigen Daten des Statistischen Bundesamts.

Es gibt 1,3 Millionen Aufstocker, die trotz sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung Hartz-IV in Anspruch nehmen müssen, um über die Runden zu kommen – und wie hoch die Dunkelziffer derer ist, die aus Stolz oder Unwissenheit keine Stütze beantragen, erfasst keine Statistik. Weitere 2,6 Millionen Beschäftigte gehen nebenbei einem Minijob nach, weil das Geld andernfalls nicht reicht, beziffert die Bundesagentur für Arbeit.

Der Mindestlohn hilft

Den extremen Wenigverdienern könnte der neu eingeführte Mindestlohn nun wohl helfen, ein Einkommen oberhalb der Sicherungsgrenze von 979 Euro zu verdienen, so sagt Huster, vorausgesetzt er wird auch tatsächlich gezahlt. Die Frage, ob das dann für alle Mitbewohner im Haushalt reicht, sei jedoch eine andere.

Hat Deutschland sein Beschäftigungswunder also nur erreicht, weil zwar mehr Menschen arbeiten, aber in immer prekäreren Arbeitsverhältnissen, wie Kritiker längst sagen? "Unumwunden: so ist es", findet Huster: Es gebe sieben Millionen prekär Beschäftigte hierzulande, ebenfalls sieben Millionen im Mindestlohnsektor, wobei Überschneidungen zwischen beiden möglich sind. Problematisch sei vor allem die Zunahme an Minijobs, schlechter bezahlter Leiharbeit, Werk- und Honorarverträgen und befristeten Verträgen, sagen die Forscher. Die Hälfte aller neu Eingestellten bekommt nur noch befristete Verträge. "Und unter allen Erwerbstätigen tragen die befristet Beschäftigten das größte Armutsrisiko", warnt Juristin Spindler.