Jahrelang waren sie ein Zankapfel der deutschen Politik: die Reallöhne, die ausdrücken, wie viel Kaufkraft ein Arbeitnehmer tatsächlich hat. Sie waren nach der Jahrtausendwende eingebrochen und hatten den Wert von damals nie wieder erreicht.

Kritiker empfanden das Niveau des Reallohns stets als zu niedrig und für ein wirtschaftlich starkes Land wie die Bundesrepublik als unangemessen. Jetzt könnte diese Diskussion abebben. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 sind die Reallöhne wieder gestiegen – um 1,4 Prozent. Das zeigt unsere Grafik, die das Portal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat. Sie basiert auf Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung

Für die gute Entwicklung machen die Wissenschaftler zum einen die sehr niedrige Inflationsrate verantwortlich. Sie habe dazu führt, dass den Verbrauchern real mehr Einkommen bleibt. Zum anderen sind die Tariflöhne gestiegen, sie liegen jetzt 11 Prozent höher als noch zur Jahrtausendwende. Das zeigt die rote Linie in unserer Grafik. Allerdings sind in den vergangen Jahren immer mehr Unternehmen aus der Tarifbindung ausgestiegen, der Zuwachs bei den gewerkschaftlich vereinbarten Gehältern konnte sich deshalb nicht komplett auf die Reallöhne übertragen.    

Die Wissenschaftler haben zudem errechnet, dass der nicht preisbereinigte Nominallohn sogar um 30 Prozent gestiegen ist. Die nominalen Vermögenseinkünfte der Deutschen haben um 60 Prozent zugelegt. Davon profitieren vor allem die Reichen, weil sie mehr Besitz als durchschnittliche Arbeitnehmer haben. 

Reallohn sank zwischenzeitlich deutlich

Die höheren Einkommen stärken die Binnenkonjunktur, weil die Bundesbürger mehr ausgeben. "Das trägt dazu bei, dass Deutschland mehr importiert und so seinen hohen Exportüberschuss abbauen kann", sagt Rainer Jung, Pressesprecher der Hans-Böckler-Stiftung. Unter anderem hatten die EU-Kommission und die USA Deutschland für seine Exportüberschüsse kritisiert, weil es dadurch die Stabilität der Weltwirtschaft gefährde. Schließlich müssten Länder ohne Überschüsse ihre Importe durch Schulden finanzieren.

Auf der Karte auch zu sehen: Die Reallöhne sanken zwischen 2000 und 2009. Dafür machen Experten die Wirtschaftskrise und den Ausbau des Niedriglohnsektors verantwortlich. So lag der durchschnittliche Reallohn 2009 mehr als vier Prozent unter dem Niveau des Jahres 2000, stieg dann aber wieder an.