Jean-Claude Juncker wähnte sich fast am Ziel. In stundenlangen Gesprächen hatte der Kommissionspräsident die griechische Regierung zum Einlenken bewegt. Gemeinsam mit Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem hatte er das Feld für den ersehnten Hilfsantrag bereitet. Der Brief, den Finanzminister Yanis Varoufakis daraufhin am Donnerstag nach Brüssel schickte, sei ein "positives Signal", freute sich der Präsident der EU-Kommission über seinen nächtlichen Verhandlungserfolg. Ihm sollte eine schnelle Einigung folgen, hoffte Juncker.

Nun ist er da, der Tag der Entscheidung. Am Freitagnachmittag treffen sich die 19 Euro-Finanzminister in Brüssel zu einer Sondersitzung. Doch statt einem glücklichen Ende des Schuldendramas droht ein neuer Eklat. Denn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat Juncker einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Mit seinem ebenso knappen wie kategorischen Nein hat er Brüssel und die Eurogruppe um Tage zurückgeworfen.

Nun geht der Schuldenpoker wieder von vorne los – allerdings mit einer neuen, überraschenden Schlachtordnung. Diesmal steht Varoufakis nicht mehr allein gegen alle, wie es noch beim letzten Eurogruppen-Treffen am Montag ausgesehen hatte. Diesmal weiß er Juncker auf seiner Seite. Sogar die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) sollen in die Vorgespräche hinter den Kulissen eingeweiht gewesen sein, munkelt man in Brüssel.

Schäuble bremst

Das wäre eine bizarre Ironie der Geschichte: Kommission, IWF und EZB – also die drei Institutionen, die die Troika ausmachen – vereint gegen den deutschen Finanzminister. Dabei war es ja Schäuble, der die Troika nicht nur erfunden, sondern sie zuletzt auch erfolgreich gegen Varoufakis verteidigt hatte. Nun warten die Institutionen auf einen Abschluss, doch Schäuble bremst. Und Varoufakis kann mit dem Finger anklagend nach Berlin zeigen.

Die Sitzung in Brüssel werde zeigen, wer eine Lösung wolle und wer nicht, heißt es trotzig in Athen. Ein Regierungssprecher drohte sogar damit, eine Einigung scheitern zu lassen, wenn Berlin Änderungen an dem Antrag fordere. Die Eurogruppe habe nur die Wahl zwischen Zustimmung oder Scheitern. Allerdings ist dies eine ziemlich leere Drohgebärde. Denn ein Scheitern kann sich Griechenland am wenigsten leisten, ohne neue Hilfszusage aus Brüssel droht schon in wenigen Wochen die Pleite.

Zudem sammelt auch Schäuble seine Truppen. Den finnischen Ministerpräsident Alexander Stubb weiß er schon hinter sich. Aus Angst vor einem Wahlerfolg der populistischen "wahren Finnen" im April lehnt Stubb jede Änderung am laufenden Hilfsprogramm ab. Auch Belgien, Spanien und Portugal reagierten skeptisch bis ablehnend auf den Antrag aus Athen. Belgien steckt selbst in einem harten, von der EU verordneten Sparprogramm. Spanien und Portugal haben es gerade hinter sich und lehnen Zugeständnisse ab.

Doch so klar, wie Schäuble die Fronten gerne zeichnet, sind sie nicht. So hat man in Irland, einem weiteren ehemaligen Krisenland, durchaus Sympathien für die radikalen Forderungen aus Griechenland – denn auch in Dublin hofft man auf Erleichterungen beim Abtragen des Schuldenbergs. Auch Frankreich und Italien sind Griechenland wohl gesonnen. In Paris und Rom hofft man vor allem auf eine Abkehr vom strikten Sparkurs, den auch Varoufakis auf seine Fahnen geschrieben hat.