Pierre Moscovici hat eine wichtige Botschaft zu verbreiten. Der EU-Währungskommissar versammelt am Dienstag Morgen die internationale Presse spontan um sich und beteuert ihr gegenüber, dass die Kommission als "ehrlicher Makler" auftrete. Später, am Vormittag, drängt es den Franzosen offenbar auch zu Wolfgang Schäuble: Ganz ungefragt sei Moscovici zu ihm gekommen, erzählt der Bundesfinanzminister. "This is not the truth", das sei nicht die Wahrheit, habe ihm der EU-Kommissar versichert.

Lüge oder Wahrheit – was lässt Moscovici so rotieren? Es geht um die zurückliegenden zwölf Stunden und wie Yanis Varoufakis sie darstellt. Der neue griechische Finanzminister hatte am Abend zuvor erzählt, vor dem Treffen der Eurogruppe habe es von der EU-Kommission einen Entwurf einer Abschlusserklärung gegeben. Dem hätte Griechenland problemlos zustimmen können. Von einem "großartigen" Papier schwärmte Varoufakis gar. Dann aber sei ihm in der Eurogruppe plötzlich ein ganz anderes Papier präsentiert worden; eines, das wiederum alle Bedingungen enthielt, die für die Griechen nicht akzeptabel sind.

Wenn Varoufakis’ Version stimmt, dann sind die Verhandlungen im Hintergrund extrem dilettantisch verlaufen. Die EU-Kommission ist zwar Teil der Troika – neben Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) – aber kein Gläubiger Griechenlands. Entsprechend erwarten die Eurostaaten, die am Ende über die Freigabe von neuen Geldern entscheiden, dass sie sich bei der Formulierung von Abschlusserklärungen schön zurückhält. Schon das Telefonat am Sonntag zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem griechischen Ministerpräsident Alexis Tsipras hatte für leichte Unruhe gesorgt. 

Moscovici musste daher auf den Brüsseler Fluren klarstellen, dass es keine unterschiedlichen Auffassungen zwischen Kommission und Eurogruppe gebe. "Es gibt keine good cops und bad cops", sagte er. Das Signal: Wir stehen zusammen gegen die Forderungen der Griechen. Niemand habe in der Sitzung der Eurogruppe am Montag verstanden, was die Griechen den nun wollten, sagt auch Schäuble. Griechenland steht ganz allein da – das ist die Botschaft, die vermittelt werden soll.

Ein Leck mit Folgen

Warum aber gibt es dann überhaupt das Kommissionspapier? Es ist wohl der gut gemeinte Versuch der Kommission und ihres Chefs Juncker, sich ebenfalls an den Verhandlungen zu beteiligen und sie erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Dass auch von der Kommission Formulierungsvorschläge kommen, sei nichts Ungewöhnliches, heißt es in Brüssel. Nur dürfe nicht die Partei auf der anderen Seite – sprich: Griechenland – von solchen Entwürfen erfahren, während sie noch in der Diskussion seien. Das hätten die Griechen nun geschickt medial ausgenutzt.

Dass es das Kommissionspapier nicht in die entscheidende Eurogruppensitzung geschafft hat, lässt sich leicht erklären: Es ging den wichtigsten Gläubigern offenbar gegen den Strich. Vor der Sitzung wurde eine Abschlusserklärung offenbar im kleinen Kreis diskutiert: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien. Hier setzte sich die Fassung durch, die später der Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, Varoufakis präsentierte. Und von der dieser am Montag Abend sagte, dass sie nur "nebulöse Phrasen" enthalte, wie etwa "etwas Flexibilität". Und der Griechenland nicht zustimmen wollte.

Es ist extrem schwer herauszufinden, was die letzte Version der verschiedenen Abschlusserklärungen ist, die mittlerweile kursieren.

Inzwischen gibt es gar ein Storify zur "Battle of the drafts" (Schlacht der Entwürfe).

Zumindest in einer Version, die der Kommission zugeordnet wird, ist etwa nur die Rede davon, "die laufende Kreditvereinbarung zu verlängern" ("to extend the current loan agreement"), außerdem ist die Rede von einer "humanitären Krise" ("humanitarian crisis"), die eingedämmt werden müsse.

In der Version der Eurogruppe dagegen, welche die Griechen ablehnten, wird von einer "Verlängerung des aktuellen Programms" gesprochen ("technical extension of the current programme"). Wie so oft in den vergangenen Tagen geht es um die Wortwahl. Das Wort Programm ist der griechischen Regierung ähnlich verhasst wie der Begriff Troika. Es beinhaltet: Geld gibt es nur gegen Auflagen. Das käme einer echten Verlängerung des laufenden Programms gleich. Genau das lehnen die Griechen jedoch ab.

Außerdem sollte der Kommissionsentwurf "sicherstellen", dass neue Maßnahmen der griechischen Regierung bereits eingegangenen Reformversprechen nicht widersprechen. Dijsselbloem pochte dagegen in der Version der Eurogruppe auf einer "Verpflichtung" Athens, keine Reformschritte rückgängig zu machen, ohne dass dies mit den internationalen Institutionen abgesprochen werde. Der Niederländer forderte weiter, dass die griechische Regierung das aktuelle Programm erfolgreich abschließt, bevor eine Verlängerung genehmigt wird. In dem Kommissionsentwurf ist dagegen nur davon die Rede, dass Griechenland seinen Verpflichtungen gegenüber den Partnern voll nachkommen soll.

Ist all dieses Wortgehuber so entscheidend?

Auf jeden Fall. Denn am Ende geht es drum, dass beide Seiten – die Geldgeber wie auch Griechenland – möglichst gesichtswahrend aus diesen extrem schwierigen Verhandlungen herausgehen. Die Griechen wollen zu Hause ihrem Wahlvolk das Aus der aktuellen Troika-Auflagen präsentieren. Erst am Dienstag Nachmittag sagte Alexis Tsipras in Athen, es sei eine Sitte, dass neu gewählte Regierungen von ihren Wahlversprechen abrücken würden: "Wir haben vor, zur Abwechslung unsere Versprechen tatsächlich umzusetzen." Das gleiche Recht nehmen indes auch die Geldgeber in Anspruch, die auf die Einhaltung der Kreditverträge pochen.