Elena erinnert sich genau an das Datum, das ihr Leben veränderte. Am 3. Mai 2013, einem Freitag, unterschrieb sie den Vertrag zum Verkauf ihrer Wohnung. "Das war der Anfang vom Ende", sagt die 42-jährige Griechin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Elena schämt sich. Sie sagt: "Ich bin eine gescheiterte Existenz."

Fünf Jahre vor diesem Tag im Mai 2013 hatten sie und ihr Mann Christos den Kaufvertrag für ihre Traumwohnung abgeschlossen: 90 Quadratmeter, zwei Schlafzimmer, ein großer Balkon und ein Kinderzimmer für die damals 7-jährige Tochter Olympia. Ein schickes Eigenheim im dritten Stock in einer ruhigen Seitenstraße. "Wir waren unglaublich stolz und überglücklich", erinnert sich Elena.

195.000 Euro kostete die Wohnung, 150.000 bekam das Ehepaar von der Bank als Kredit. Für nur 117.000 Euro wechselte die Wohnung im Mai 2013 den Besitzer. Das Geld reichte nicht mal, um den Bankkredit zu tilgen. "Uns hat die Krise voll erwischt", sagt Elena.

Im Frühjahr 2010 stand Griechenland vor dem Staatsbankrott. Seither sind fünf Jahre vergangen. Die Krise hat ein Viertel der Wirtschaftskraft des Landes gekostet und eine Million Jobs sind verloren gegangen, die Arbeitslosenquote stieg von zwölf auf fast 28 Prozent. Über 230.000 kleine und mittelständische Betriebe gingen pleite. Die privaten Haushalte haben mehr als ein Drittel ihres Realeinkommens verloren. 23 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Das sind die Zahlen. Aber hinter den Statistiken verbergen sich menschliche Tragödien – gescheiterte Lebensentwürfe, zerbrochene Familien, Kinder ohne Zukunft. Schicksale wie das der Griechin Elena und ihrer Familie.

Für viele begann mit der Rettung eine soziale Misere

Angesichts derartiger Verwerfungen ist es fast schon verwunderlich, dass seit 2010 in Griechenland nur dreimal die Regierung gewechselt hat, dass es keinen radikalen Umsturz gab. Mit Alexis Tsipras kommt nun der dritte Premier der Krise an diesem Montag nach Berlin. Auch seine beiden Vorgänger Antonis Samaras und Giorgos Papandreou rangen mit Kanzlerin Angela Merkel mehrfach um einen Ausweg aus der Krise. Zwei Hilfspakete für Griechenland wurden in dieser Zeit aufgesetzt, mit einem Gesamtvolumen von 237 Milliarden Euro. Das Geld floss zu einem großen Teil in die Rückzahlung von Schulden. Für sehr viele Menschen jedoch begann mit der Rettung eine soziale Misere.

In Elenas Familie fing es damit an, dass ihr Mann Ende 2011 seinen gut bezahlten Job als stellvertretender Geschäftsführer eines großen deutschen Elektronikmarkts in Athen verlor – die Filiale wurde geschlossen. "Sorry, wir müssen konsolidieren", erklärte ihm sein deutscher Chef bedauernd. Auf einen Schlag war die Familie ihr Einkommen los. Statt seines Gehalts, das mit Bonuszahlungen und Provisionen in manchen Monaten 4.000 Euro netto erreichte, bekam Christos jetzt 482 Euro Arbeitslosengeld. Ende 2012 war es auch damit vorbei. In Griechenland erhält man maximal zwölf Monate Arbeitslosenhilfe. Eine Grundsicherung wie Hartz IV oder Sozialhilfe gibt es nicht.

Immerhin fand Elena einen Halbtagsjob als Sachbearbeiterin bei einem Kurierdienst. Nach sechs Monaten kündigte ihr die Firma. Drei Tage später rief der Personalchef an: Sie könne wieder anfangen – aber für 25 Prozent weniger Lohn. Zähneknirschend willigte Elena ein. "Was sollte ich denn machen, ich hatte keine Wahl: dieser Job oder gar keiner."

Früher hatte Elena Freunde in Deutschland. Man besuchte sich regelmäßig gegenseitig. Mal fuhr sie zu ihren Freunden nach Marburg, mal kamen die im Urlaub nach Athen. Für Reisen hat Elena heute kein Geld mehr. Aber auch die Besucher aus Deutschland kommen nicht mehr. "Wir haben uns zerstritten, wegen der Krise", sagt sie.