Die EU-Kommission beschwor einen historischen Moment, als sie in der vergangenen Woche ihr Konzept einer europäischen Energieunion vorstellte. Alle energiepolitischen Akteure würden künftig stärker zusammenrücken; keine Facette der Energiepolitik sollte vergessen werden. Vorausschauende Klimapolitik, mehr Versorgungssicherheit, erschwingliche Energiepreise, stärkerer Verbraucherschutz – nichts blieb in dem Konzept unerwähnt.

Doch nur eine Woche nach seiner Vorstellung wird deutlich: Mit der Einigkeit ist es nicht weit her. Gerade beraten die europäischen Energie- und Umweltminister in Brüssel und es zeigt sich: Europas gemeinsame Energiezukunft hängt nicht so sehr an Konzeptpapieren der EU-Kommission. Viel wichtiger wäre es, einige seit Jahren offene grundsätzliche Fragen zu entscheiden und die unterschiedlichen Strategien der 28 EU-Mitgliedstaaten stärker aufeinander abzustimmen.

Schon die Geschichte des Begriffs "Energieunion" macht deutlich, wo die Probleme liegen. Er kam erstmals im vergangenen Jahr auf, als die EU-Staaten über die gemeinsamen Energie- und Klimaziele für 2030 verhandelten. Damals präsentierte eine in die Defensive geratene polnische Regierung erstmals den Vorschlag einer Energieunion. In ihrem Zentrum sollten aber keine Klima- oder Umweltaspekte stehen. Polen wollte einen forcierten Ausbau der Infrastruktur und eine Einkaufsgemeinschaft für Erdgas aus Russland.

Durch die Ukraine-Krise fand dieses Anliegen rasch viele Anhänger. Die Osteuropäer konnten mit einer eigenen proeuropäischen Agenda antreten, ohne die in der EU bis dahin zentrale Emissionsminderungspolitik überhaupt nur erwähnen zu müssen.

Nach der Europawahl nahm sich Jean-Claude Juncker des Begriffs rasch an, ernannte mit Maroš Šefčovič einen eigenen Kommissions-Vizepräsidenten für die Energieunion und erweiterte den Ansatz um den Aspekt einer "vorausschauenden Klimapolitik". Das Ergebnis: In ihrer derzeitigen Gestalt schreibt die Energieunion lediglich den Status Quo der EU-Energiepolitik fort – wenngleich die Juncker-Kommission den Eindruck befördern muss, unter ihrer Ägide entstehe etwas genuin Neues.

Eine gesamteuropäische Energiepolitik, die diesen Namen verdiente, liegt jedoch in weiter Ferne. Selbst wenn das Konzept der Kommission im Grundsatz auf breite Zustimmung gestoßen ist: Derzeit ist nicht erkennbar, dass die wichtigsten Akteure der EU-Energiepolitik, die Regierungen der 28 EU-Mitgliedstaaten, tatsächlich ein Interesse an einer beschleunigten Europäisierung hätten.