Wer geglaubt hat, die internationale Finanzkrise sei überwunden, der liegt falsch. Sie schwelt weiter, denn sie war schon immer Teil eines viel größeren Problems, nämlich einer globalen staatlichen und finanzwirtschaftlichen Weltschuldenkrise, die uns und unseren Wohlstand im Kern bedroht. In den letzten Jahren sind die Schulden in den Staatshaushalten und in den globalen Banken- und Finanzmärkten nicht nur nochmals massiv gewachsen, sie tun es auch weiterhin. Es besteht kein Zweifel, dass wir aktuell mit dem größten Schuldenberg konfrontiert sind, den die Welt zu Friedenszeiten je aufgetürmt hat. Wer dabei vor allem an den Euro denkt, liegt im Übrigen falsch, denn die Schulden in den südlichen Eurostaaten stellen nur einen sehr kleinen Teil des Bergs dar.

Nun ist es das eine, die Akteure zu benennen und dabei auch zu umreißen, wie sie zu der aktuellen Schuldenkrise beigetragen haben. Aber es lassen sich auch zentrale Ursachen der Krise herausarbeiten – und Ansätze entdecken, wie wir wieder aus ihr herausfinden können.

Wer über Schulden spricht, der spricht über Kredite, für deren Absicherung werthaltige Pfänder eine zentrale Rolle spielen. Aber Pfänder können trügerisch sein. Seit Mitte der 1990er Jahre nutzen Banken und Schattenbanken bei der Vergabe von Krediten Ratings, Kreditausfallversicherungen, als risikolos eingestufte Staatsanleihen oder langfristige Verbriefungen von Kreditportfolios als Pfänder.

Zweifelhafte Rolle der Kreditagenturen

Sie werden von der Bankenregulierung nicht beanstandet – auch wenn absehbar war und ist, dass sie in einem Krisenfall nicht wirklich werthaltig sind. Diese Scheinpfänder haben massiv zum gegenwärtigen Schuldenstand beigetragen, und sie tun es weiterhin. Besonders die Ratingagenturen spielen dabei seit den 1970er Jahren eine höchst zweifelhafte Rolle. Die Kreditausfallversicherungen haben zwar seit 2008 deutlich an Volumen verloren. Die anderen Scheinpfänder werden aber von den Finanzmärkten weiterhin genutzt.

Sollte es zu einer offenen Eskalation der aktuellen Schuldenkrise kommen, wird die Schuldenpyramide in sich zusammenbrechen und womöglich das gesamte Banken- und Finanzsystem ein weiteres Mal mit sich reißen. Bislang haben Banken und Schattenbanken, aber auch der Staat als Kreditnehmer, kaum ein ernsthaftes Interesse daran gezeigt, an diesem fragilen und gefährlichen Zustand etwas zu ändern.

Supranationale Organisationen wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) treten zwar inzwischen als Warner vor einem neuen Zusammenbruch auf. Da der BIZ aber nur die Rolle einer Beraterin der nationalen Zentralbanken zukommt, sind ihr die Hände gebunden. Und da die USA, die europäischen Staaten, Japan oder auch die aufstrebenden Schwellenländer nicht einführen, dass Ratingagenturen für Falschbewertungen haftbar gemacht werden können, spielen auch die drei Ratingoligopolisten Standard & Poor's, Moody's und Fitch weiterhin eine zweifelhafte Rolle beim anhaltenden Schuldenwachstum.

Immer weniger Eigenkapital im Einsatz

Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich sowohl in der Real- wie auch in der Finanzwirtschaft das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital zunehmend zulasten des Eigenkapitals – und zugunsten des Fremdkapitals – verlagert. Im Zuge dieser Entwicklung erodierte die Risikopufferfunktion des Eigenkapitals zusehends. Angestoßen durch eine staatliche Steuergesetzgebung in den USA entwickelten sich stattdessen weltweit Anreize, durch wachsende Verschuldung den Hebeleffekt des Fremdkapitals zur Steigerung der Eigenkapitalrendite zu nutzen – und dabei auch größere Risiken in Kauf zu nehmen.

Die Folge dieser Entwicklung ist nicht nur eine erheblich größere Bereitschaft, Schulden einzugehen. Es entstehen auch zu große Unternehmens- und Bankeinheiten, die kaum vernünftig reguliert werden können. Ihre schiere Größe nötigt Regierungen dazu, sie im Fall von Krisen zu retten. Diese Risikoverlagerung auf den Staat hat die Anreize gerade größerer Institute erhöht, hohe Risiken einzugehen.

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An dieser Dynamik hat sich bis heute nichts verändert. Zu der Entwicklung passt, dass in den vergangenen 20 Jahren jene Regeln, die Gewinnerzielung und Haftung für Verluste zusammen denken und die daher grundlegend sind für eine funktionierende Marktwirtschaft, immer mehr aufgeweicht wurden. Das gilt für Banken und institutionelle Anleger gleichermaßen. Sie tendieren stärker denn je dazu, ihre Geschäfte gewissermaßen als reine Verwalter zu konzipieren: Sie weiten Risiken aus und verdienen genau damit Geld; während für die Verluste, die eintreten, andere zu haften haben: Investoren oder der Staat. In gewisser Weise kann man hier von einer Haftungsumgehungskultur sprechen.

Ein anderer haftet: der Staat

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch bei vielen börsengelisteten, multinationalen Unternehmen erkennen. Deren Manager haften in den meisten Fällen genauso wenig wie die sie kontrollierenden Investmentfonds, die weitgehend mit dem Geld Dritter arbeiten und im Fall von Verlusten allein ihre Kunden oder im schlimmsten Fall den Staat zahlen lassen. Auch die Aufweichung des Insolvenzrechts, das es Unternehmen erleichtert, einen Neustart ohne Schulden zu wagen – und damit ebenfalls die Haftung reduziert –, passt in dieses Bild. Auch hier wird erkennbar: Nachdem die bewährte Gläubigerschutzkultur über Jahre hinweg mehr und mehr aufgeweicht wurde, leben wir heute zunehmend in einer Welt, in der die Schuldner, sind sie nur groß genug, gestützt werden.

Diese Entwicklung trägt zu einem sich beschleunigenden Erosionsprozess der Marktwirtschaft bei. Denn immer öfter springt nun der Staat als letzter Retter ein. Verloren gegangene Sanktionsmechanismen von säumigen Schuldnern bei gleichzeitigen Nullzinsen schaffen ein Umfeld, in dem das Sparen – als Grundvoraussetzung für Investitionen – seine Priorität verliert. Auch deshalb wachsen die Schulden weiter. Am Ende sind diejenigen, die im Ruf stehen, Kapitalisten par excellence zu sein, genau die, welche die Marktwirtschaft zu einer staatsrettenden Marktwirtschaft pervertieren lassen. Sie beuten den Staat und damit die Steuerzahler aus.