Es gab Drohungen, Schuldzuweisungen und persönliche Beschwerden: In den vergangenen Tagen hat sich gezeigt, wie vergiftet das Klima zwischen Griechenland und den europäischen Partnern mittlerweile ist. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schließt sogar einen versehentlichen, unfallartigen Austritt – einen sogenannten Graccident – aus der Eurozone nicht mehr aus. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker ist mit der Entwicklung ebenfalls nicht zufrieden. Dennoch ist allen klar, was auf dem Spiel steht: Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone wäre eine Katastrophe, sagte EU-Währungskommissar Pierre Moscovici dem Spiegel. "Wenn ein Land diese Union verlässt, werden die Märkte umgehend die Frage stellen, welches Land als Nächstes dran ist." Das könnte der Anfang vom Ende der Eurozone sein, warnte Moscovici.

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras war daher am heutigen Freitag auch um Schadensbegrenzung bemüht: Bei Krisengesprächen mit EU-Politikern in Brüssel bat er um Hilfe und Solidarität für sein von der Pleite bedrohtes Land. "Ich denke, dass wir am Ende all diese Missverständnisse ausräumen können", sagte Tsipras. Griechenland habe bereits begonnen, seine für die Verlängerung des Hilfsprogramms eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. "Wir erledigen unseren Teil, und wir erwarten, dass unsere Partner ihren Teil beitragen."

Das klang in den vergangenen Tagen noch ganz anders: Der griechische Justizminister Nikos Paraskevopoulos hatte mit der Pfändung deutscher Immobilien in Griechenland gedroht, Außenminister Nikos Kotzias sprach von kulturellem Rassismus gegenüber seinem Land, Verteidigungsminister Panos Kammenos drohte mit der Entsendung illegaler Einwanderer nach Berlin. Am Donnerstag ging es dann auf der persönlichen Ebene weiter, als sich Finanzminister Yanis Varoufakis über Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beschwerte, weil dieser ihn beleidigt haben soll.

Das Verhalten der griechischen Regierung stößt mittlerweile nicht mehr nur bei Diplomaten auf Ablehnung. Auch bei der deutschen Bevölkerung halten es, laut einer Umfrage, 80 Prozent für unseriös. 52 Prozent der Bundesbürger sind mittlerweile gegen einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone, wie aus dem ZDF-Politbarometer hervorgeht.

EU-Kommission vereinbart Taskforce mit Griechenland

Einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone hält Juncker wiederum für ausgeschlossen. Doch mit der Entwicklung der vergangenen Wochen ist auch er unzufrieden: "Ich denke nicht, dass wir ausreichend Fortschritte gemacht haben", sagte der Luxemburger bei seinem Treffen mit Tsipras. Beide vereinbarten eine Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen. Auf EU-Seite soll die Leitung dieser bereits bestehenden Taskforce nun durch den für den Euro zuständigen Vizekommissionspräsidenten Valdis Dombrovskis übernommen werden, sagte ein Sprecher der Kommission. Griechenland will seinerseits selbst eine solche Arbeitsgruppe gründen.

Juncker betonte zwar, die EU-Kommission könne nur Vorschläge machen und als Vermittler dienen. Entscheidungen seien Sache der Eurogruppe, in der Vertreter der nationalen Regierungen sitzen. Dennoch stellte er gegenüber Tsipras klar, dass "er sehr besorgt ist und einen Unfall nicht ausschließen kann". Ein EU-Vertreter sagte nach dem Treffen, Juncker habe Tsipras gedrängt, die Anstrengungen zu verstärken und "Äußerungen zu vermeiden, die nur spalten könnten." 

Schäuble warnt vor Graccident

Ähnlich hatte sich am Vorabend Schäuble über einen Graccident geäußert. Die griechische Regierung trage die Verantwortung für ihr Handeln, "und da wir nicht so genau wissen, was die Verantwortlichen in Griechenland tun, können wir es ja auch nicht ausschließen", sagte er im ORF-Fernsehen. Seine Sprecherin ergänzte, der Finanzminister halte das Schuldenproblem für überwindbar und sehe Griechenland nicht als hoffnungslosen Fall. Es sei das Bestreben der Bundesregierung, Athen in der Eurozone zu halten: "Aber es ist auch wichtig jetzt zu betonen, dass Griechenland am Zug ist, seine Reformverpflichtungen so zu erfüllen, wie es vereinbart wurde." Es gebe keinen Blankoscheck, sagte die Sprecherin.

Auch Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es bleibe politisches Ziel, dass Griechenland in der Eurozone bleibe. Es gebe kein bilaterales Problem zwischen Berlin und Athen und keine Fehde zwischen Schäuble und dessen griechischem Amtskollegen Varoufakis.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bot Tsipras an, dessen Regierung bei der Entwicklung einer Strategie für mehr Wachstum und Beschäftigung zu unterstützen. "Das Europäische Parlament ist bereit, so schnell wie möglich mit der griechischen Regierung und mit der EU-Kommission zu sprechen, um Geld (...) für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland zu mobilisieren." Aus dem Sechs-Milliarden-Euro-Topf des sogenannten Jugendgarantie-Programms der EU seien noch viele Mittel verfügbar.

Der Kassensturz ist dringend nötig, denn Athen hat im März noch Milliarden-Verpflichtungen zu erfüllen. Wie das griechische Staatsfernsehen berichtete, zahlte Athen am Freitag fristgerecht 348 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF). Bis zum 20. März sind in zwei Raten weitere 842 Millionen Euro an den IWF fällig. Um diese und weitere Verpflichtungen zu erfüllen und eine Pleite abzuwenden, sollen die Kassen von Sozialversicherungen und anderer staatlicher Unternehmen und Behörden angezapft werden.