Die Rechnung, die Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis am Freitag bezahlen muss, hat es mal wieder in sich. Rund zwei Milliarden Euro muss Griechenland an die Besitzer von Staatsanleihen und den Internationale Währungsfonds (IWF) überweisen. Und danach geht es gleich so weiter, Monat für Monat werden weitere Milliarden fällig. Ob Varoufakis das Geld dafür hat? Niemand weiß es so genau, weder in Brüssel, und vielleicht sogar noch nicht einmal in Athen.

Zwei Monate nach dem Sieg bei der Parlamentswahl balanciert die griechische Regierung am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Sozialkassen, Bankenrettungsfonds, die Konten von Staatsunternehmen – überall versuchen die Mitarbeiter des griechischen Finanzministeriums momentan Geld aufzutreiben, um ihrer Regierung mehr Zeit für die Verhandlungen über neue Kredite mit der Eurogruppe zu verschaffen. Es ist eine riskante Taktik: Bekommt das Finanzministerium auch nur einmal nicht rechtzeitig genügend zusammen, könnte eine Kettenreaktion in Gang gesetzt werden, die am Ende dazu führt, dass Griechenland aus der Eurozone austreten muss: der "Graccident".

Vor diesem Unfall warnte am Donnerstagabend auch der stellvertretende griechische Ministerpräsident Giannis Dragasakis. Griechenland habe ein Liquiditätsproblem, räumte er in einem Fernsehinterview ein. Für den EU-Gipfel wurde extra kurzfristig ein Nebentreffen organisiert, bei dem der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras unter anderem mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und EZB-Präsident Mario Draghi über die gefährliche Lage seines Landes sprechen will.

Doch was würde beim "Graccident" eigentlich passieren? Und wie würde es für Griechenland ohne Euro weitergehen?

Das größte Problem für Griechenland sind momentan die Forderungen des Internationalen Währungsfonds. Als der IWF im Rahmen der beiden Hilfspakete Kredite an Griechenland vergeben hat, vereinbarte er klare Rückzahlungsfristen. Anders als bei den Krediten der Eurostaaten und des Eurorettungsfonds ESM wurden diese Fristen auch nicht verlängert, da sich der IWF grundsätzlich nicht auf Verhandlungen über seine Kreditkonditionen einlässt. Varoufakis muss daher das Geld aufbringen. Bereits letzte Woche überwies er 560 Millionen nach Washington. Diese Woche werden 350 Millionen fällig, Anfang April sind es weitere rund 467 Millionen.

Das Wall Street Journal berichtete Anfang der Woche, dass mehrere griechische Regierungsbeamten es für möglich halten, dass das Geld schon im März nicht mehr reicht. Sollte es dazu wirklich kommen und Griechenland kann auch nur eine Zahlung nicht rechtzeitig an den IWF überweisen, würde das Land automatisch als bankrott gelten. Und das hätte weitreichende Folgen.

Die Europäische Zentralbank dürfte in einem solchen Fall die griechischen Banken nicht mehr mit Geld versorgen. Ohnehin hat die EZB die Finanzierung der Banken schon stark eingeschränkt und erlaubt nur noch Notkredite. Auch die dürfen aber nur an solvente Banken vergeben werden. Da griechische Banken ihr Geld hauptsächlich in griechische Staatsanleihen investiert haben, die bei einem Staatsbankrott wertlos würden, und noch dazu in den vergangenen Monaten einen Großteil ihrer Kundeneinlagen verloren haben, wäre dieses Kriterium nicht mehr erfüllt. Ohne das Geld von der EZB wären die Banken in kürzester Zeit endgültig pleite und müssten schließen.

Die Folge wäre nicht nur eine Finanzkrise, sondern auch ein großes Problem für das griechische Finanzministerium. Weil die Steuereinnahmen seit Beginn des Jahres eingebrochen sind, finanziert sich die Regierung wieder zu einem großen Teil durch die Ausgabe von kurzfristigen Staatsanleihen mit Laufzeiten bis zu sechs Monaten, sogenannte T-Bills. Die hat sie bisher hauptsächlich an griechische Banken verkauft, die sie als Sicherheiten für Kredite bei der EZB  einreichten. "Über die Banken ist die Regierung völlig abhängig von der EZB", sagt Friedrich Heinemann, Finanzwissenschaftler am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Dreht die EZB den Hahn zu, gehen der griechischen Regierung schlicht die Euro aus. Gehälter für Staatsangestellte, Renten, die Finanzierung von Krankenhäusern – vieles davon kann dann nicht mehr bezahlt werden. Aus dieser Situation gibt es für die Regierung nur einen Ausweg: Eine neue Währung einführen. Es wäre das Ende von Griechenlands Zeit als Teil der Gemeinschaftswährung Euro.