Es schien wie ein harmloser Witz: "Und nun legen bitte alle Männer wegen eines Mitgliedslandes ihre Krawatten ab", sagte der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, am Ende eines Fotoshootings mit seinen Kommissionskollegen unlängst. Schließlich hatte der Hang zur Schlipslosigkeit der Syriza-Regierung in Griechenland schon häufiger für Heiterkeit gesorgt.

Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hatte zum Antrittsbesuch in Athen mit dem neuen Premier Alexis Tsipras über dessen fehlende Halsbekleidung gescherzt. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi schenkte seinem griechischen Amtskollegen gar eine Krawatte bei dessen Besuch in Rom.

Doch während die Situationen mit Schulz und Renzi lustig waren, ging Kommissionsvize Timmermanns noch einen Schritt weiter: "Und ziehen Sie bitte auch Ihre Hemden aus der Hose", fügte er hinzu. Der niederländische Politiker hob damit auf den Kleidungsstil des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis ab, der in den europäischen Medien reichlich kommentiert wurde – häufig negativ.

Timmermanns wollte offensichtlich nicht scherzen, sondern sich lustig machen. Wäre eine ähnliche Bemerkung über den Kleidungsstil eines anderen Politikers – sagen wir aus Afrika oder dem Nahen Osten – einfach so akzeptiert worden? Die Kommission kam zu dem Schluss, Timmermanns sei zu weit gegangen. Die Stelle wurde aus der Videoaufzeichnung des Fotoshootings herausgeschnitten.

Die diplomatischen Hemmungen fallen

Diese Episode ist symptomatisch für den Bruch zwischen Griechenland und der restlichen Eurozone. In Brüssel kommt der aggressive Stil von Premierminister Alexis Tsipras und seinem Finanzminister Yanis Varoufakis nicht gut an. Es gab vielfach Beschwerden, die Athener Regierung halte sich nicht an das diplomatische Protokoll.

Ganz falsch ist der Vorwurf nicht: Die griechische Regierung ist noch unerfahren in politischer Kommunikation. Viele ihrer Äußerungen klingen so, als wäre Syriza noch in der Opposition und mitten im ideologischen Kampf zwischen Links und Rechts. Tsipras und sein Kabinett scheinen nicht begriffen zu haben, dass sie jetzt an der Regierung sind und sich auf internationalem Parkett bewegen.  

Ähnliches gilt für die Reparationszahlungen, die Griechenland von Deutschland fordert. Tsipras will damit zeigen, dass Griechenland zu Unrecht der Buhmann in Europa ist. Sein Argument: Schulden und moralische Verantwortung müssen im historischen Kontext für alle gelten. Von außen betrachtet mag es wie ein Ablenkungsmanöver erscheinen oder wie der Versuch, Deutschland als größten Kritiker Griechenlands zu stoppen. In Wahrheit tut die Tsipras-Regierung aber nichts anderes als ihre Vorgänger. Seit den neunziger Jahren haben griechische Regierungen versucht, sich hier durchzusetzen. Und die Forderungen Griechenlands sind nicht völlig unberechtigt. Aber das Thema gerade jetzt auf die Agenda zu setzen, muss auf die europäischen Partner natürlich verstörend wirken.

Das tollpatschige Auftreten der Tsipras-Regierung bewirkt, dass auch auf der anderen Seite alle diplomatischen Hemmungen fallen. Am Montag nach dem Treffen der Euro-Finanzminister sprach plötzlich ein Minister nach dem anderen wieder von der Troika und nicht von den Institutionen – wohl wissend, dass dies die griechische Seite provozieren würde. Viele andere Äußerungen waren so angelegt, dass die griechische Regierung nicht nur kritisiert, sondern geradezu verhöhnt werden sollte.

Ende der Zurückhaltung

"Ich bin kein Kulturminister, der über Worte urteilt", sagte beispielsweise der slowakische Finanzminister Peter Kažimír, und bezog sich dabei auf griechische Reformvorschläge, die seiner Meinung nach zu wenige Zahlen enthielten. Sein spanischer Amtskollege Luis de Guindos hatte kein Problem damit, öffentlich eine mögliche Zahlungsunfähigkeit der griechischen Regierung zu kommentieren. Auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seine Zurückhaltung aufgegeben: "Mir tun die Griechen leid. Sie haben eine Regierung gewählt, die sich im Augenblick ziemlich verantwortungslos verhält", sagte er im Februar.

Es ist klar, dass hier ein fieser Unterton herrscht. Ganz neu ist das nicht: Bereits im März 2013 schrieb der Journalist Nikos Chrysoloras im Guardian, es gebe in der europäischen Debatte einen "achtlosen, unterbewussten Rassismus". Der politische Diskurs impliziere, "dass der Reichtum Nordeuropas die gerechte Belohnung für ein protestantisches Arbeitsethos ist. Dagegen resultiert der Reichtum des Südens entweder aus Korruption (Griechenland, Italien), Steuerflucht (Zypern) oder einem nicht nachhaltigen Geschäftsmodell (Spanien)."

Für den französischen Ökonomen Thomas Piketty ist Bestrafung mittlerweile der dominierende Faktor in der Europapolitik. Es existiere ein nationalistisch motivierter Egoismus, "der mich heute mehr als alles andere beunruhigt", sagte er dem Spiegel. In den zurückliegenden Jahren der Krise war immer wieder zu beobachten, dass sich die wichtigsten Akteure der Währungsgemeinschaft gegen das wirtschaftlich und sozial schwächste Mitglied zusammenschließen und mit Rauswurf aus der Währungsunion drohten.

Europas Probleme sind klein und lösbar

Auf jede Äußerung von Varoufakis, die Schulden Italiens seien beispielsweise nicht mehr tragbar, gibt es Dutzende andere Äußerungen, Griechenland müsse den Euro aufgeben. Jeder kritischen Äußerung von Tsipras über die deutsche Wirtschaftspolitik stehen Dutzende Kommentare anderer Politiker gegenüber, die die Inkompetenz der griechischen Regierung kritisieren. Griechenland war lange der Prügelknabe für viele europäische Politiker. Nun erleben manche von ihnen, wie es sich anfühlt, wenn ihnen offen widersprochen wird.

Das Problem dabei ist nur: Ein solcher Umgang kann nicht die Grundlage einer politischen und wirtschaftlichen Union sein. Außerdem gibt es noch viel größere Probleme: 5.000 Menschen sind aufgrund des Krieges in der Ostukraine ums Leben gekommen, mehr als 3.500 Flüchtlinge sterben jedes Jahr vor den Küsten Europas. Und im Nahen Osten destabilisiert die Terrormiliz "Islamischer Staat" eine ganze Region. Währenddessen verstricken sich die Europäer in einen selbstzerstörerischen Streit über wirtschaftliche Probleme, die bei genauerem Hinsehen klein und lösbar sind.

Es reicht nicht, der neuen griechischen Regierung einen Crashkurs in europäischer Diplomatie zu verordnen. Auch die anderen Europäer sollten ihren Umgang mit Griechenland überdenken. Sie sollten dem Verlangen nach Bestrafung nicht nachgeben und Vorurteile abbauen. Jean Monnet, einer der europäischen Gründungsväter, sprach davon, Menschen zu vereinen und nicht eine Allianz aus Staaten zu schaffen. Es ist an der Zeit, dass dieser Geist wieder in Europa einkehrt. Es ist Zeit, dass die wahren Europäer vortreten.

Aus dem Englischen übersetzt von Zacharias Zacharakis