"Ich bin kein Kulturminister, der über Worte urteilt", sagte beispielsweise der slowakische Finanzminister Peter Kažimír, und bezog sich dabei auf griechische Reformvorschläge, die seiner Meinung nach zu wenige Zahlen enthielten. Sein spanischer Amtskollege Luis de Guindos hatte kein Problem damit, öffentlich eine mögliche Zahlungsunfähigkeit der griechischen Regierung zu kommentieren. Auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seine Zurückhaltung aufgegeben: "Mir tun die Griechen leid. Sie haben eine Regierung gewählt, die sich im Augenblick ziemlich verantwortungslos verhält", sagte er im Februar.

Es ist klar, dass hier ein fieser Unterton herrscht. Ganz neu ist das nicht: Bereits im März 2013 schrieb der Journalist Nikos Chrysoloras im Guardian, es gebe in der europäischen Debatte einen "achtlosen, unterbewussten Rassismus". Der politische Diskurs impliziere, "dass der Reichtum Nordeuropas die gerechte Belohnung für ein protestantisches Arbeitsethos ist. Dagegen resultiert der Reichtum des Südens entweder aus Korruption (Griechenland, Italien), Steuerflucht (Zypern) oder einem nicht nachhaltigen Geschäftsmodell (Spanien)."

Für den französischen Ökonomen Thomas Piketty ist Bestrafung mittlerweile der dominierende Faktor in der Europapolitik. Es existiere ein nationalistisch motivierter Egoismus, "der mich heute mehr als alles andere beunruhigt", sagte er dem Spiegel. In den zurückliegenden Jahren der Krise war immer wieder zu beobachten, dass sich die wichtigsten Akteure der Währungsgemeinschaft gegen das wirtschaftlich und sozial schwächste Mitglied zusammenschließen und mit Rauswurf aus der Währungsunion drohten.

Europas Probleme sind klein und lösbar

Auf jede Äußerung von Varoufakis, die Schulden Italiens seien beispielsweise nicht mehr tragbar, gibt es Dutzende andere Äußerungen, Griechenland müsse den Euro aufgeben. Jeder kritischen Äußerung von Tsipras über die deutsche Wirtschaftspolitik stehen Dutzende Kommentare anderer Politiker gegenüber, die die Inkompetenz der griechischen Regierung kritisieren. Griechenland war lange der Prügelknabe für viele europäische Politiker. Nun erleben manche von ihnen, wie es sich anfühlt, wenn ihnen offen widersprochen wird.

Das Problem dabei ist nur: Ein solcher Umgang kann nicht die Grundlage einer politischen und wirtschaftlichen Union sein. Außerdem gibt es noch viel größere Probleme: 5.000 Menschen sind aufgrund des Krieges in der Ostukraine ums Leben gekommen, mehr als 3.500 Flüchtlinge sterben jedes Jahr vor den Küsten Europas. Und im Nahen Osten destabilisiert die Terrormiliz "Islamischer Staat" eine ganze Region. Währenddessen verstricken sich die Europäer in einen selbstzerstörerischen Streit über wirtschaftliche Probleme, die bei genauerem Hinsehen klein und lösbar sind.

Es reicht nicht, der neuen griechischen Regierung einen Crashkurs in europäischer Diplomatie zu verordnen. Auch die anderen Europäer sollten ihren Umgang mit Griechenland überdenken. Sie sollten dem Verlangen nach Bestrafung nicht nachgeben und Vorurteile abbauen. Jean Monnet, einer der europäischen Gründungsväter, sprach davon, Menschen zu vereinen und nicht eine Allianz aus Staaten zu schaffen. Es ist an der Zeit, dass dieser Geist wieder in Europa einkehrt. Es ist Zeit, dass die wahren Europäer vortreten.

Aus dem Englischen übersetzt von Zacharias Zacharakis