Für den Internationalen Währungsfonds (IWF) und ihren ehrgeizigen damaligen Chef Dominique Strauss-Kahn schien die 2010 heraufziehende Eurokrise eine einmalige Chance zu bieten. Nach dem Missmanagement der Asienkrise in den 1990ern hatte der IWF an Einfluss verloren. Sein Rat war nicht mehr gefragt – die 65 Jahre alte Institution drohte in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen.  

Mit dem ersten größeren Rettungseinsatz in Europa wollten die IWF-Experten zeigen, dass sie als globale Wirtschaftsfeuerwehr immer noch gebraucht würden. Für Strauss-Kahn schien es die große Chance, sich auf internationalem Parkett Meriten für eine spätere Präsidentschaft in seiner französischen Heimat zu erwerben. Fünf Jahre später steht der IWF vor einem Scherbenhaufen, den er maßgeblich selbst zu verantworten hat.   

Dabei sah es kurzzeitig ganz danach aus, als würde der Rettungseinsatz in Griechenland ein großer Erfolg. In mitternächtlichen Telefonaten und mit viel diplomatischem Armdrücken brachte der IWF-Chef den Fonds dazu, gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission – inzwischen als Troika bekannt – ein Rettungspaket für die Griechen abzusegnen. Der Anteil des IWF an den Hilfskrediten beläuft sich auf inzwischen 28 Milliarden Euro, das entspricht etwa zwölf Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. Noch nie hatte der IWF für ein Land dieser Größe so viel Geld aufgebracht.     

Regeln heimlich geändert?

Doch um das zu tun, brach der Fonds seine eigenen Regeln. Diese sehen vor, dass jedem Mitgliedsland in Abhängigkeit von der jeweiligen Wirtschaftskraft eine gewisse Quote zugeteilt wird. Grundsätzlich gilt das auch für Griechenland. Die Quote jedes Landes bestimmt, wie viel Beiträge an den IWF es zahlt, und wie viel Kredit es im Bedarfsfall erhalten kann (nämlich maximal 600 Prozent der Quote). Und ist ein Land zu tief verschuldet, oder hat das Programm aus anderen Gründen keine Aussicht aus Erfolg, darf der IWF den eigenen Regeln zufolge eigentlich gar kein Geld verleihen.

Im Fall von Griechenland habe der Fonds dennoch ein Vielfaches der erlaubten Summe als Kredit vergeben: 1.860 Prozent der Quote, sagt Desmond Lachman, Finanzexperte und früher selbst in leitender Funktion beim IWF tätig.

Strauss-Kahns wichtigstes Argument dafür war: Ein Kollaps Griechenlands werde die Eurozone mitreißen und damit das gesamte Finanzsystem in Gefahr bringen; und außergewöhnliche Umstände rechtfertigten eben außergewöhnliche Maßnahmen. Den IWF-Mitgliedsstaaten war noch in frischer Erinnerung, wie der Untergang von Lehman Brothers die Welt an den Rand des Abgrunds getrieben hatte. Das wollten sie künftig vermeiden. 

Und für Strauss-Kahn hatte die Hilfe für Athen besondere Bedeutung. Neben den deutschen Finanzinstituten waren es nämlich vor allem französische Kreditinstitute, die durch einen Zusammenbruch Griechenlands gefährdet waren. Wären sie bankrott gegangen, hätte das Strauss-Kahns politische Ambitionen zunichte gemacht.

Der Brasilianer Paulo Nogueira Batista, der im IWF-Direktorium elf Länder Lateinamerikas vertritt, erklärte gegenüber Reportern einer Arte-Dokumentation, der IWF habe die notwendigen Regeländerung für die großzügige Hilfe  "heimlich" durchgezogen. Nogueira Batista ist zur Stimme der aufbegehrenden IWF-Mitglieder geworden. Heute warnt er davor, dass der Fonds bei der Hilfe für die Ukraine den gleichen Fehler erneut begehen und die Wirtschaftskraft des kriegszerstörten Landes überschätzen könne. 

Bei den Rettungspaketen für Athen machten der IWF einen Fehler nach dem anderen: Die Annahmen der IWF-Ökonomen waren viel zu optimistisch. So gingen sie etwa davon aus, dass die griechische Wirtschaft bis 2012 durch die vom IWF geforderten Sparmaßnahmen 5,5 Prozent schrumpfen würde – was bereits eine drastische Reduktion bedeutet hätte. Stattdessen ging die Wirtschaftsleistung jedoch um 17 Prozent zurück. Der IWF-Plan sah eine Arbeitslosenquote von 15 Prozent voraus, in der Realität stieg sie bis auf 25 Prozent.