Putin-Rabatt für Urlaub auf der Krim

"Jalta ist besser als Nizza." Kein Geringerer als der berühmte russische Schriftsteller Anton Tschechow hat diesen Satz einst gesagt, und zu lesen ist der Ausspruch unter einem Schwarz-Weiß-Foto in einem Museum in Jalta, der traditionsreichen Ferienstadt am Schwarzen Meer. Das Bild – Beleg der Tradition – zeigt die Uferpromenade um den Beginn des 20. Jahrhunderts. Gleich nebenan, auf einem Hügel, steht die weiß getünchte Villa, in der Tschechow seinen Lebensabend verbrachte, umgeben von Nadelbäumen und Palmen. Sein Haus ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Jaltas.

Jelena Sidikowa, eine kleine Frau mit schwarzen Haaren, öffnet die Tür zu Tschechows Villa und führt durch die Zimmer, in denen der Autor lebte und arbeitete. Sehr viele Gäste kommen derzeit nicht. Es dauert noch, bis die Saison beginnt. Doch auch im vergangenen Sommer seien weniger Besucher als üblich gekommen, erzählt Sidikowa – nicht nur zu Tschechows Anwesen. Die Annexion der Krim vor einem Jahr hat Spuren hinterlassen. Sidikowa erinnert sich an einige Engländer und Finnen, die sich für den Künstler interessieren, Ukrainer aus Odessa oder Charkiw im Osten des Landes. Vor allem aber an Russen.

Im vergangenen Jahr reisten 4,1 Millionen Besucher auf die Krim, gab die staatliche Tourismusagentur Rosturism vor Kurzem bekannt. 107 Milliarden Rubel, umgerechnet knapp 1,6 Milliarden Euro, hat die Tourismusindustrie demzufolge eingenommen. Das Ministerium für Tourismus der Republik Krim zählte in elf Monaten des vergangenen Jahres etwa 3,5 Millionen Touristen. Das ist ein Einbruch im Vergleich zu den knapp sechs Millionen Gästen, die noch im Jahr davor die Halbinsel besuchten.

Damals kam die weit überwiegende Mehrheit der Besucher aus der Ukraine. Doch seit Russland die Macht auf der Krim übernommen hat, bleiben diese Gäste weg. Besucher aus dem Westen – die freilich schon in der Vergangenheit nur einen geringen Teil ausmachten – fehlen ebenfalls. Früher war die Krim ein beliebtes Ziel von Kreuzfahrtschiffen, aber vor einem Jahr strichen Reiseveranstalter und Reedereien die Krim aus ihrem Programm. Auch das Auswärtige Amt rät Touristen seither dringend von Reisen ab. 

Der Tourismus aber ist der wichtigste Wirtschaftssektor auf der Halbinsel. Schätzungen zufolge verdient die Hälfte der 2,3 Millionen Krim-Bewohner ihren Lebensunterhalt in dieser Branche.

"Touristen aus Russland, wie zu Sowjetzeiten"

"Heute kommen die Touristen aus Russland, so wie zu Sowjetzeiten", erzählt Leonid, ein Taxifahrer in Jalta. Gut 80 Prozent der Besucher im vergangenen Jahr waren Russen, es ist ein deutlicher Anstieg: Früher machten sie nur ein Viertel aus. Das Ausbleiben der Ukrainer können sie bisher aber nicht ausgleichen. Leonid fürchtet Probleme, wenn weiterhin weniger Gäste kommen. Die nächsten Jahre könnten schwierig werden, sorgt er sich. Aber "wenn der Krieg zu Ende ist, kommen auch die Ukrainer wieder".

Bislang hielt sich die Begeisterung der Russen für Reisen im eigenen Land oder in Länder der ehemaligen Sowjetunion in Grenzen. Lieber flogen sie ins fernere Ausland. Die Flüge dorthin sind meist günstiger als innerrussische Verbindungen, und der Service ist oft besser als in der Heimat. Besonders begehrt: Reisen nach Ägypten oder in die Türkei, ebenso nach Europa

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Reisenden innerhalb Russlands allerdings um 30 Prozent gestiegen, sei es aus patriotischen Gründen oder aus finanziellen, weil der schwache Rubel Auslandsreisen immer teurer macht. Manche ziehen nun die Krim dem Mittelmeer vor – Jalta ist auch für sie besser als Nizza.

Auf der Krim hat der Staat allerdings auch kräftig nachgeholfen. Zur Hauptsaison des vergangenen Jahres gab Präsident Wladimir Putin die Anweisung, Staatsbedienstete sollten ihren Sommerurlaub auf der Halbinsel verbringen. Von Betrieben und Behörden gab es zudem finanzielle Unterstützung. Künftig sollen Werbe- und Rabattaktionen sowie vergünstigte Flugtickets dafür sorgen, dass die Krim für russische Touristen ein noch attraktiveres Reiseziel wird.

Putins Konterfei auf Souvenir-T-Shirts

Nikolaj Dwojnich hofft darauf. Der 67-Jährige betreibt ein kleines Hotel in Simejis in der Nähe von Jalta und setzt auf die kommende Saison. Viele Russen seien im vergangenen Jahr noch nicht bereit gewesen, die plötzlich ferngebliebenen Gäste aus der Ukraine zu ersetzen. "Ich glaube, das wird im kommenden Sommer ganz anders sein", sagt er.

In einem Touristenort knapp 80 Kilometer westlich von Jalta, Sewastopol, erwarten die Leute Ähnliches. Dort haben viele Souvenirstände auch im Winter geöffnet. Tatjana, eine Verkäuferin, berichtet von der zurückliegenden Saison. In ihren Augen habe sich die Situation nicht dramatisch verschlechtert, sagt die Frau mit den schwarzen Haaren. Zwar hätten früher mehr Passagierschiffe in Sewastopol geankert, aber das sei doch das Problem der Schiffsbetreiber. Dafür kämen nun eben mehr Touristen aus Russland. Viele seien zuletzt vor Jahren als Jugendliche auf der Krim gewesen und kehrten nun zurück auf die Halbinsel.

An den kleinen Souvenirbuden gibt es Matrosenhemden, Muscheln und Matrjoschkas, und neuerdings auch eine Auswahl ganz spezieller T-Shirts zu kaufen. Darauf zu sehen sind Präsident Putin mit Sonnenbrille, Witze über die Sanktionen oder Schimpftiraden gegen Präsident Barack Obama. "Die T-Shirts sind sehr beliebt", erklärt Tatjana, "jeder will sie kaufen". Sie selbst würde Putins Konterfei zwar nicht tragen, aber sie respektiere natürlich den Präsidenten. Wie die meisten hier begrüßt sie die Angliederung Sewastopols und der Krim an Russland.

Auch die Händler an den Nachbarständen rechnen fest mit mehr Touristen in diesem Jahr. "Jetzt kommen mehr Russen", sagt beispielsweise Alexander. "Deutsche Touristen kommen weniger. Die dürfen nicht mehr, oder?" Tatsächlich gelten seit Dezember neue Sanktionen, die Firmen aus EU-Staaten auf der Halbinsel Tourismus-Dienstleistungen verbieten. Europäische Kreuzfahrtschiffe dürfen nur noch in Notfällen in Hafenstädten der Krim anlegen. Daran wird sich so bald wohl nichts ändern.