Das Angebot klingt verlockend: "Ist es bald Zeit für die jährliche Lohnverhandlung? – Schau nach und mach den Gehaltsvergleich mit Kollege oder Chef." So wird in Schweden für die Buchreihe Taxeringskalender geworben. Die aktuelle Ausgabe, die einem Telefonbuch ähnelt, listet ganz konkret das zu versteuernde Einkommen aller im Jahr 2014 in Schweden gemeldeten Erwachsenen. Und zwar nach Personen aufgeschlüsselt, nicht nur nach Branchen oder Positionen. "Wer in unseren Büchern seine männlichen und weiblichen Kollegen nachschlägt, kann Hinweise auf geschlechtsspezifische Gehaltsunterschiede finden", sagt Magnus Roos, Geschäftsführer des Verlages, der die Serie herausgibt. "Die Daten helfen, sich für die Gehaltsverhandlungen zu rüsten."

In Deutschland sorgt seit einigen Tagen der Vorschlag von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig für Furore: Sie will Unternehmen gesetzlich verpflichten, Gehaltsgruppen zu veröffentlichen. Die Schweden gehen dagegen noch einen Schritt weiter und veröffentlichen individuelle Daten. Hier gilt das sogenannte Öffentlichkeitsprinzip, nachdem alle Bürger Einblick in die Arbeit des Staates haben sollen. Zu den Behördenvorgängen, die eingesehen werden können, gehören auch die Steuerunterlagen. Das habe eine lange Tradition und gelte bereits seit 1766, erklärt Pär Ström, IT-Berater und beim Thinktank DNV für Datenschutzfragen zuständig. "Die Idee dahinter ist, dass die Bürger die Machthaber kontrollieren können sollen."

Aber auch in Schweden soll der Bürger nicht komplett gläsern sein. Deshalb geben die Finanzämter, von denen Taxeringskalender die Daten erhält, nur das Arbeits- und das Kapitaleinkommen bekannt. Sie listen aber nicht auf, woher genau die Einkünfte stammen. Dennoch seien die Daten für den Gehaltsvergleich zu gebrauchen, sagt Verlagschef Roos. Schließlich wisse man üblicherweise, ob ein Kollege etwa Voll- oder Teilzeit arbeite oder etwa einen Zweitjob habe.        

Angebote wie Taxeringskalender oder Websites wie Ratsit nutzen die Steuerdaten. Der Staat geht indes noch weiter: Unternehmen mit mehr als 25 Angestellten sind gar verpflichtet, alle drei Jahre eine Statistik zu erstellen, wie groß die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in vergleichbaren Jobs sind. Allerdings sind diese Daten in der Regel nicht einsehbar.

Trotzdem sind die Gewerkschaften zufrieden mit dem aktuellen System. Lasse Thörn vom Gewerkschaftsbund LO meint, dass die einsehbaren Steuerdaten allenfalls eine Rolle spielen, wenn wirklich individuelle Löhne verhandelt werden – etwa für leitende Angestellte.    

Geringere Gehaltsspreizung in Schweden

In der Tat ist die Gehaltsspreizung in Schweden geringer als in Deutschland. In Schweden betrug der Gehaltsunterschied von Frauen und Männern im Jahr 2013 branchenübergreifend 13,4 Prozent. In Deutschland waren es im gleichen Jahr 22 Prozent. In der gleichen Altersgruppe und bei vergleichbarer Arbeit sind es in Schweden sogar nur 5,8 Prozent.

Aber beeinflusst die schwedische Gehaltstransparenz tatsächlich den sogenannten gender gap? Es sei wichtig, in der Gesellschaft zu debattieren, ob typische Frauenberufe wie Pädagogen ausreichend finanziell vergütet werden, sagt Gewerkschafter Thörn. Auffällig aber ist, dass er, wenn er von Gehaltsverhandlungen spricht, nicht die individuellen Einkommen aus dem Taxeringskalender erwähnt. Auch Einkommensdaten, welche der schwedische Diskriminierungsombudsmann aufbereitet, tauchen im Gespräch nicht auf.    

Stattdessen bezieht sich Thörn auf Daten des Statistikamts in Schweden. Sie seien von Bedeutung, wenn es darum gehe, ob Frauen in bestimmten Branchen schlechter als Männer verdienten, erzählt er. Um unternehmensintern die Gehälter zu vergleichen, haben die meisten Tarifpartner in Schweden außerdem vereinbart, zusätzliche Gehaltsstatistiken zu führen. Diese seien nicht für die Angestellten, sondern nur für die Tarifpartner einsehbar – und enorm hilfreich.  

Kein Ehegattensplitting in Deutschland

Auch bei den Arbeitgebern spielt der Taxeringskalender kaum eine Rolle. Man halte nicht viel von der individuellen Gehaltsübersicht, sagt Edel Karlsson Håål vom Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv. Sie würden den Unternehmen vor allem Arbeit bereiten, aber änderten nichts an Gehaltsunterschieden zwischen Männern und Frauen. Karlsson Håål glaubt auch nicht, dass sie den Angestellten helfen würden, bessere Lohnverhandlung zu führen.           

"Das Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern ist erheblich geringer als in Deutschland. Das liegt aber nicht an dieser Transparenz", sagt Karlsson Håål. Vielmehr würden schwedische Frauen von der guten Kinderbetreuung profitieren, die ihnen ermögliche, nach der Geburt eines Kindes nicht allzu lange aussetzen zu müssen. Ebenso sei wichtig, dass Partner nicht steuerlich gemeinsam veranlagt würden und es kein Ehegattensplitting gebe.

In Deutschland können sich Ehepaare steuerlich gemeinsam veranlagen lassen und den Splittingvorteil in Anspruch nehmen. Dieses Steuermodell begünstigt allerdings genau solche Konstellationen finanziell, bei denen einer der Partner – in der Regel die Frau – zu Hause bleibt. "Auch deshalb ist Deutschland vermutlich das Land in Europa, das die am besten ausgebildeten Hausfrauen hat", sagt Karlsson Håål. Aus ihrer Sicht ist die getrennte steuerliche Veranlagung beider Ehepartner auch ein politisches Zeichen: "Das Einkommen beider Partner wird unabhängig voneinander gesehen und beiden damit mehr Selbständigkeit signalisiert." Ein Blick nach Schweden zeigt also, dass auf dem Weg zu gerechteren Gehältern mehr Transparenz nur ein Baustein von vielen ist.