5.418 Euro! Eine solche Summe wäre ein tolles Urlaubsgeld. Selbst wenn man hiervon Steuern und Sozialabgaben abziehen würde, bliebe genug für eine längere Reise, einen Gebrauchtwagen oder ein teures Möbelstück übrig. Doch anstatt sich mit dem Geld eine ruhige Zeit zu machen, schenken viele Arbeitnehmer das Geld lieber ihren Chefs. Weil sie mehr schuften, als sie eigentlich müssten.

Die 5.418 Euro sind ein statistischer Mittelwert. Genauer: der Median aller Daten, die die Leser von ZEIT ONLINE in unseren Stundenlohnrechner eingegeben haben. Wer in den Rechner sein Brutto-Monatsgehalt einträgt, seine vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden und dazu die Stunden, die er tatsächlich gearbeitet hat, erfährt hier erstmals, was er in der Stunde verdienen sollte – und was er wirklich verdient, vor und nach Steuern.

Seit dem 5. März haben 22.190 ZEIT-ONLINE-Leser den Rechner genutzt und uns erlaubt, ihre Daten anonym zu speichern und statistisch auszuwerten. Im Durchschnitt aller Teilnehmer fallen demnach jede Woche zwei unbezahlte Überstunden an. Hochgerechnet auf das Jahr sind das – nach Abzug von Urlaub, Feiertagen und Krankheit –  84 Überstunden. Leser, die angaben, Überstunden zu machen, schenkten ihrem Arbeitgeber im Median 129 Euro in der Woche. Rechnet man diese auf 42 Arbeitswochen hoch, kommt man auf eben jene 5.418 Euro. Auf die Summe also, die diese Leser im Durchschnitt jedes Jahr verlieren, weil sie länger arbeiten als im Vertrag angegeben.  

Wohlgemerkt: Bei den Daten handelt es sich nicht um eine repräsentative Erhebung. Das zeigt sich schon bei den Durchschnittsgehältern. Unsere Leser verdienen – nach dem Medianwert – im Mittel rund 41.568 Euro brutto im Jahr, also rund 10.000 Euro mehr als der Durchschnittsdeutsche 2013. Doch die Stichprobe aus dem Stundenlohnrechner ist so groß, dass sich aus den Daten interessante Schlüsse ziehen lassen.

Für die Mehrheit der angestellten Mitarbeiter ist es offenbar normal geworden, länger zu schuften, als der Vertrag vorsieht. Fast zwei Drittel aller teilnehmenden ZEIT-ONLINE-Leser machen unbezahlte Überstunden. Genauer: 56,9 Prozent. Und: Je länger die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit ist, desto mehr Leser bleiben noch über diese Zeit hinaus im Betrieb. Lediglich rund 36 Prozent arbeiten genauso viele Stunden wie im Vertrag stehen und nur 6,7 Prozent leisten weniger Wochenstunden, als sie mit ihrem Chef verabredet haben.

Die Zahl der geleisteten Überstunden steigt mit dem Gehaltsniveau. Wer zwischen 2.000 und 3.000 Euro im Monat verdient, bleibt im Durchschnitt eine zusätzliche Stunde länger am Arbeitsplatz, wer zwischen 3.000 und 4.000 Euro bekommt, schon zwei Stunden länger. So geht es immer weiter. Bei mehr als 5.000 Euro sind es drei Überstunden, bei mehr als 6.000 Euro 4,5 Stunden, bei mehr als 9.000 Euro dann sechs Stunden.

Die Daten bestätigen Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung in Nürnberg. Die Forscher haben festgestellt, dass die Zahl der unbezahlten Überstunden mit dem Grad der Qualifikation steigt. Führungskräfte leisten demnach mit 14,6 Stunden im Monat die meisten unbezahlten Überstunden. Bei Mitarbeitern mit hochqualifizierten Tätigkeiten und Leitungsfunktionen waren es 7,3.

Die Arbeitsmarktforscher nennen verschiedene Motive, die Menschen dazu bewegen, mehr zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Einerseits sind Mitarbeiter, die ein hohes Grundgehalt bekommen, offenbar eher bereit, nicht so streng auf die Uhr zu sehen. Manche wollen ihren Chefs auf diese Weise signalisieren, dass ihre Arbeit viel wert ist. Vor allem Führungskräfte leisten unbezahlte Überstunden, um die Reputation ihres Teams zu erhöhen. Das funktioniert häufig auch. Chefs erkennen dieses Signal und berücksichtigen es, wenn es um Beförderungen oder Lohnerhöhungen geht.

Andererseits fanden die Nürnberger Wissenschaftler unbezahlte Überstunden jedoch auch häufig bei Leuten, die sich Sorgen um ihren Job machen. Und in Unternehmen, wo der Arbeitsdruck besonders hoch ist oder sich schon eine innere Kultur langer Arbeitszeiten herausgebildet hat. Dies ist besonders bei Dienstleistern der Fall, etwa bei Banken und Versicherungen, aber auch in der Kommunikationsbranche. In der Industrie fanden sich unbezahlte Überstunden dagegen vergleichsweise selten.

Unter einem besonderen Druck stehen offenbar Teilzeitkräfte. Offiziell kommen sie zwar nur zwischen 10 und 34 Stunden in der Woche zur Arbeit. Doch die Daten des Stundenlohnrechners zeigen, dass die Zahl der unbezahlten Überstunden im Trend immer höher wird, je weniger Stunden im Vertrag stehen. Ob sich hier ein genereller Trend zeigt, können die Nürnberger Arbeitsmarktforscher nicht beantworten – sie vermuten es aber.



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