Vier Stunden lang haben sie also in der vergangenen Nacht zusammengesessen, viel länger als erwartet. Und wer partout nicht anders kann, als die europäische Politik in den Kategorien von Sieg und Niederlage zu betrachten, der mag darin einen Triumph des griechischen Ministerpräsidenten erkennen. Immerhin hat Alexis Tsipras nun bekommen, was er seit seiner Wahl vor bald zwei Monaten gefordert hatte: ein Treffen auf höchster politischer Ebene, Verhandlungen mit Merkel, Hollande & Co.

Vielleicht wäre es aber auch der erste Schritt zur allgemeinen Abrüstung, wenn man die Kategorien von Sieg und Niederlage endlich beiseitelegen würde. Im Sport muss es Gewinner und Verlierer geben, sonst macht das Spiel keinen Sinn. Die europäische Politik hingegen wird sinnlos, wenn sie sich dieser Logik ergibt. Das gilt ganz grundsätzlich, und es gilt erst recht für das große Ringen um den Grexit: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als kämpften da alle gegen einen. In Wahrheit hat kein Land etwas zu gewinnen und die Union als Ganzes schon gar nicht, wenn Griechenland verliert und am Ende doch aus dem Euro ausscheidet. Griechenland würde weiter verarmen; die EU wäre politisch blamiert und nachhaltig geschwächt.

Das ist die erste und wichtigste Erkenntnis der vergangenen Nacht, noch vor allen Zahlen. Die zweite: Symbole zählen.

Auf dem Papier steht heute nichts anderes als das, was die Finanzminister der Eurogruppe bereits vor vier Wochen mit ihrem griechischen Kollegen vereinbart hatten: Dass die Regierung in Athen eine Liste mit Reformen vorlegen muss, bevor sie neues Geld bekommt. Hinzu gekommen ist lediglich der Zusatz, wonach die Arbeit beschleunigt werden soll und all dies "im Geiste gegenseitigen Vertrauens" geschieht. Diese Formulierung darf man nicht allzu wörtlich nehmen; so schnell wird das gegenseitige Misstrauen, das in den vergangenen Wochen gewachsen ist, nicht weichen. Trotzdem sind die Worte wichtig, genauso wichtig wie die Bilder von dem runden Tisch, an dem der griechische Ministerpräsident und die deutsche Kanzlerin heute Nacht gemeinsam gesessen haben.

Politische Symbole sind das Gegenteil von leeren Gesten. Sie transportieren Botschaften, in diesem Fall geht es vor allem um Respekt und Empathie. Im besten Fall schaffen sie damit die Voraussetzung dafür, auch in der Sache zueinanderzufinden. Symbole sind nicht die Stärke von Angela Merkel, im Gegenteil. Nirgendwo wird ihr Unvermögen auf diesem Feld deutlicher als in der Eurokrisenpolitik der vergangenen Jahre. Häufig hat die Kanzlerin im Ringen um den Euro die Argumente auf ihrer Seite gehabt; aber fast nie hat sie dafür die richtigen Worte oder Gesten gefunden. Auch jetzt hat sie viel zu lange zugesehen, wie sich ihr Finanzminister in einen immer absurderen Schlagabtausch mit seinem griechischen Kollegen hat hineinziehen lassen.