Und es sind nicht nur Finanzinvestoren und Konzerne, die in die Ukraine expandieren. Einige deutsche Bauern haben den Sprung dorthin ebenfalls gewagt. Die meisten von ihnen kamen um die Jahrtausendwende. "Damals wurden Investoren händeringend gesucht, denn viele der  Nachfolgebetriebe der Kolchosen lagen am Boden", sagt Gerlinde Sauer. Sie ist Agrarexpertin im Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft und kennt die Ukraine gut. Heute seien ungefähr 40 deutsche Agrarbetriebe dort tätig, sagt Sauer; die meisten bewirtschafteten jeweils etwa zwei- bis dreitausend Hektar Land. "Das entspricht etwa der Größe einer ostdeutschen Agrargenossenschaft."

Manche Investoren aus dem Westen steigen auch direkt in ukrainische Agrarbetriebe ein. Zum Beispiel der US-Agrarkonzern Cargill, der Mousseaus Report zufolge rund fünf Prozent an der größten einheimischen Holding Ukrlandfarming hält. Daneben handle Cargill in der Ukraine mit Pestiziden, Saatgut und Dünger, stelle Futtermittel her und besitze Silos, um im Getreidehandel mitzumischen. "Alle Aspekte der ukrainischen Agrarlieferkette – von der Produktion landwirtschaftlichen Inputs bis zum Export der Ware – werden auf diese Weise zunehmend von westlichen Firmen kontrolliert", schreibt Mousseau.

Aus seiner Sicht "geht es in der Ukraine darum, wer künftig den Zugriff auf die Ressourcen des Landes erhält". Aber wie groß ist der westliche Einfluss wirklich? Wer tiefer gräbt, merkt schnell: Im Detail lässt sich das oft kaum nachvollziehen. Zu kompliziert sind die Verflechtungen.

Das zeigt auch der Blick in eine Datenbank, die Wissenschaftler des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg pflegen. In ihrer Land Matrix sammeln sie Informationen zu Landgeschäften weltweit. Rund 1,7 Millionen Hektar ukrainisches Ackerland sind der Datenbank zufolge in ausländischer Hand – nur in sieben Ländern der Welt, die meisten davon in Afrika, kontrollieren Ausländer mehr Böden.

Investoren aus Russland und Saudi-Arabien

Doch mindestens eine laut Land Matrix ausländische Firma wird in Wahrheit von Ukrainern geführt. Es handelt sich um Kernel, eine Firma, die in der Datenbank als Investor aus Luxemburg registriert ist; doch der Unternehmenssitz befindet sich in Kiew. Kernel ist der größte Produzent von Sonnenblumenöl der Ukraine. Der Gründer und Chef des Unternehmens, der 40-jährige Andrey Verevskiy, saß für die Partei der Regionen des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch im ukrainischen Parlament. Den Kontakt in den Westen scheut er nicht: Kernel-Aktien werden an der Stuttgarter Börse gehandelt, und im Aufsichtsrat von Kernel sitzt auch der ehemalige Cargill-Manager Ton Schurink. Dennoch bleibt Kernel eine ukrainische Firma, und die Frage, wer hier den größten Einfluss hat, lässt sich zumindest nicht eindeutig beantworten. 

Der Land Matrix zufolge ist der US-amerikanische Pensionsfonds NCH Capital der größte Investor in ukrainisches Land: 450.000 Hektar hat er gepachtet. Das bekannteste Unternehmen in der Liste dürfte der schweizerische Rohstoffkonzern GlencoreXstrata sein; er hat 80.000 Hektar unter Vertrag. Daneben gibt es aber auch Investoren aus Russland (250.000 Hektar) und Saudi-Arabien (33.000 Hektar) – und die Barnstädt e.G. aus Sachsen-Anhalt, die in der Ukraine der Land Matrix zufolge rund 8.000 Hektar Land hat. Zu ihrem Investment will sich die Genossenschaft offenbar nicht äußern; mehrere Anfragen laufen ins Leere.

Ukrainische Agrarholdings, in denen westliches Kapital steckt, Investoren aus Russland und Saudi-Arabien und vermeintlich westliche Investoren, die in Wahrheit von Ukrainern geführt werden – offensichtlich lassen sich Ost und West in der Landwirtschaft der Ukraine nicht mehr so leicht trennen.

Auch deshalb ist schwer zu sagen, wie sehr der Run auf die ukrainischen Ackerböden den Krieg tatsächlich befeuert. Das Assoziierungsabkommen mit der EU sieht vor, dass die Ukraine ihre Landwirtschaft weiter für ausländische Investitionen öffnen soll. Doch von der bisherigen Öffnung profitiert nicht nur der Westen. Durch eine weitere Liberalisierung könnten ebenso die großen ukrainischen oder russischen Player gewinnen.    

Exportorientierte Holdings vs. Kleinbauern

Ost oder West? Vielleicht ist das letztlich gar nicht so wichtig. Das ist jedenfalls der Standpunkt von Christina Plank. Sie erforscht den Agrarsektor der Ukraine von der Uni Wien aus. Planks Spezialgebiet sind Agrartreibstoffe, das Interesse der Europäischen Union am Anbau in der Ukraine und die damit verbundene Politik der ukrainischen Regierung.

Wie Mousseau sagt die österreichische Forscherin: Die großen Konzerne reißen sich das Ackerland der Ukraine unter den Nagel – wenngleich sie das wissenschaftlich-distanzierter formuliert. Im Gegensatz zu Mousseau findet Plank auch das Geschäft der großen ukrainischen Agrarholdings problematisch. Ihnen gehöre immer noch das meiste Land, "und sie werden immer größer". Ukrlandfarming zum Beispiel, die größte Holding, bewirtschafte etwa mehr als 670.000 Hektar und sei damit das achtgrößte Agrarunternehmen weltweit.

Die ukrainische Regierung, die großen Agrarkonzerne und die internationalen Institutionen wollten die Landwirtschaft modernisieren – und wählten dafür genau den falschen Weg, kritisiert Plank. "Ihr Ziel ist eine intensive Landwirtschaft, in großem Maßstab, für den Export. Aber was wird aus den kleinen Bauern?" Die großen Farmen beschäftigten immer weniger Arbeiter. "Und die Profite werden in Steueroasen verschoben. Da sind die ukrainischen Agrarholdings keine Ausnahmen. Ist das wirklich die richtige Form der ländlichen Entwicklung?"