Frage: Dabei warten die Schweine doch dort nur auf ihren sichereren Tod!

Tönnies: Ja und? Trotzdem muss ich sie doch zu jedem Zeitpunkt anständig behandeln. Wir bieten den Schweinen in der Aufstallung, also bevor sie betäubt werden, auch Mais an. Das lieben sie. Wir wollen sie beschäftigen, ruhig machen.

Frage: Merken die Schweine, dass sie getötet werden sollen?

Tönnies: Nein. In unserem Wartestall liegen bis zu 4.000, 5.000 Schweine – in aller Ruhe. Da gibt es keine Panik. Wir haben unseren Leuten beigebracht, wie man mit den Tieren umgeht. Wie man sie so schonend wie möglich in die Schlachtung führt. Das hat unser Vater meinem Bruder Bernd, meinen vier Schwestern und mir gezeigt.

Frage: Viele Menschen wollen die Massentierhaltung nicht mehr. Verstehen Sie das?

Tönnies: Wir nehmen das ernst. Nach dem Krieg ging es vor allem um Masse, um Leistungssteigerung, um die Rund-um-Versorgung. Das allein passt heute nicht mehr, wir müssen mehr tun und müssen an manchen Stellen auch zurück schrauben. Allerdings bilden die Kampfbilder von Riesen-Schweineställen auch nicht die Realität ab. Von den 26.000 Einsendern in unseren Schlachthöfen …

Frage: Ihren Tierlieferanten …

Tönnies: … sind vielleicht 50 industriell organisiert. Der Rest sind Familienbetriebe. Wenn ich in der Nähe bin, gehe ich da schon mal vorbei. Ich weiß, wie es bei denen im Stall aussieht, im Kühlschrank und auf dem Konto. Und ich sage Ihnen: Im großen und ganzen sind die sehr gut. Ich bin tolerant, wenn jemand Vegetarier ist oder Veganer, aber ich fordere auch Toleranz uns gegenüber.

Frage: Sie beliefern auch die Discounter. Ist Fleisch zu billig?

Tönnies: Fleisch könnte ruhig ein bisschen teurer werden. Wenn die Packung Hackfleisch 40 Cent mehr kosten würde, würde das Fleisch immer noch gekauft. Warum soll der Bauer nicht gutes Geld für gute Leistung bekommen?

Frage: Um das Tierwohl zu verbessern, haben Bauern und Handel eine entsprechende Initiative beschlossen. Wie finden Sie das?

Tönnies: Sehr gut. Die Tierwohlinitiative ist auf unser Bestreben in Gang gekommen. Ich finde, als Marktführer haben wir eine Verantwortung. Ich habe mich mit den Vorständen des Lebensmittelhandels getroffen und habe sie für die Idee begeistert. Die Tierwohlinitiative ist jetzt ein Thema für die ganze Branche, und das ist auch richtig so.

Frage: Die Fleischbranche kann damit auch etwas für ihr Image tun. Das ist ja nicht sonderlich gut, wenn man an die Rumänen oder Bulgarien denkt, die lange für einen Hungerlohn geschuftet haben.

Tönnies: Ja, aber wir tun viel, damit das der Vergangenheit angehört. Jetzt haben wir für alle Betriebe den Mindestlohn – übrigens auch das auf unser Betreiben. Wir müssen immer noch weiter kommen. Aber man darf auch nicht überziehen. Sonst kommt das Fleisch eines Tages nur noch aus dem Ausland. Aus Rumänien oder Spanien. Unter deren Bedingungen. Dann haben wir doch alle nichts gewonnen.

Frage: Wie teuer wäre es, wenn Sie nicht mit Werkvertragsarbeitern arbeiten würden, sondern mit eigenen Leuten?

Tönnies: Die Frage stellt sich nicht. Ich bekomme diese Leute nicht. Wir haben alles versucht. Auch mit Unterstützung der Behörden. Aber das ist schon lange so. Die Türken oder die Griechen, die früher bei mir angefangen haben, sind heute fast ausnahmslos Vorarbeiter. Die haben jetzt ein Häuschen, ein ordentliches Auto und sind integriert. Dasselbe gilt für viele Mechatroniker und Elektroniker aus Polen und Rumänien. Diese Menschen leben nicht mehr in einer Unterkunft, sondern haben ihre Familien nachgeholt und bleiben dauerhaft hier.

Frage: Und die Leute am Band?

Tönnies: Die denken anders. Die breite Masse der Leute am Band will nur Geld verdienen. Diese Menschen wollen hier so günstig wie möglich leben. Die kaufen sich in unserem Werksverkauf Toastbrot und 500 Gramm Aufschnitt. Das ist das Abendbrot für vier Leute auf der Bude. Das restliche Geld wird gesammelt, um sich später zu Hause eine Existenz aufzubauen. Diese Leute wollen nicht bleiben. Und man kann sie nicht zwingen.

Frage: Würden Sie Flüchtlinge beschäftigen?

Tönnies: Um ihnen eine Perspektive und ein Auskommen zu geben? Warum nicht? Aber die dürfen ja nicht arbeiten. Das mag man gut finden oder nicht. Ich meine, man sollte den Menschen in der Zeit, in der sie bei uns sind, dann aber wenigstens Bildung verschaffen. Jeder Mensch, der zu uns kommt, sollte Deutsch lernen, Lesen und Schreiben und die Grundrechenarten. Jedes Kind sollte verpflichtet werden, in die Schule zu gehen. Dann ist die Wartezeit nicht umsonst. Ich kann Ihnen dazu eine Geschichte erzählen. Es ist lange her, da war Peer Steinbrück zu Besuch.

Frage: Als er noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war?

Tönnies: Ja. Damals waren Lehrstellen knapp. Er hat mich gefragt, wie viele Lehrlinge ich habe, und ich habe gesagt, fünf. Bei 1000 Beschäftigten. Das war schon beschämend. Ich habe daraufhin beim Bürgermeister von Rheda-Wiedenbrück angerufen und gefragt, wie viele Schulabsolventen ohne Lehrstelle sind. Er hat gesagt, rund 100 im Jahr. Ich hätte alle 100 eingestellt, aber es wollten nur 35 zu Tönnies kommen. Nach einiger Zeit kam der Berufsschullehrer, völlig aufgelöst. 15 seien so schlecht, die würden niemals die Prüfung schaffen. Ich habe die 15 zusammengetrommelt und gesagt: Wir machen Nachhilfe, jeden Samstag, ich bezahl die Lehrerin und Ihr kommt. Die ersten zwei Mal waren alle da, dann wurden es immer weniger. Ich bin dann am nächsten Samstag morgen zu den Schwänzern gefahren. In keine wirklich gute Gegend, ich wusste gar nicht, dass es das in Rheda gibt. Dabei komme ich selbst nicht gerade aus begüterten Verhältnissen.