Frage: Und dann?

Tönnies: Ich habe geklingelt, der Vater hat aufgemacht, Flasche Bier morgens um acht, Feinripp-Unterhemd. Die Tochter sei krank. So ein Quatsch! Ich habe bei der Tochter geklopft und gesagt: "Hier ist Clemens Tönnies, ich sitze im Auto, in fünf Minuten bist du unten." Das habe ich bei allen so gemacht. Und ich habe alle durch die Prüfung gekriegt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war auf der Hauptschule und habe meine Mittlere Reife in Abendkursen nachgemacht. Ich konnte aber schon als Kind schneller Kopf rechnen als die elektronische Waage. Die großen Geschäfte werden mit dem kleinen Einmaleins gemacht.

Frage: Ihr Vater war Metzger, aber Sie wollten lieber Radio- und Fernsehtechniker werden.

Tönnies: Wir hatten eine Fernsehtruhe mit zwei Programmen, nur ich konnte das dritte finden, das war etwas Besonderes. Ich wollte lieber Radio- und Fernsehtechniker lernen als in der blöden Wurstküche herumzustehen. Ich musste schon mit neun Jahren Därme putzen, mein Vater hatte kein Geld für Angestellte. Er war herzensgut, aber als ich ihm gesagt habe, dass ich Radio-und Fernsehtechniker werden will, war er total aus dem Häuschen und ich habe Prügel kassiert. Dann bin ich Metzger geworden.

Frage: Wie viele Lehrlinge haben Sie heute?

Tönnies: In der Gruppe gut 200. Die Jahrgangsbesten können ein Stipendium bekommen und ein Studium machen, die meisten kommen dann aber zu uns zurück. Ich möchte gern hier bei uns in Rheda-Wiedenbrück einen Campus bauen in Verbindung mit einer Hochschule – so ähnlich wie wir das auf Schalke machen.

Frage: Für wen machen Sie das in Schalke?

Tönnies: Für Spitzensportler, Leute aus der Sportbranche – und auch für unsere Spieler. Jeder Profi braucht eine vernünftige Ausbildung. Da stehen wir vom Verein in der Verantwortung.

Frage: Sie meinen, Topverdiener wie Julian Draxler oder Benedikt Höwedes?

Tönnies: Ja. Als Felix Magath noch Schalke-Trainer war, bin ich das erste Mal mit ihm aneinander geraten, als er gesagt hat, der Julian Drexler brauche kein Abitur. Der werde als Fußballprofi genug Geld verdienen. Da habe ich Rabatz gemacht. Wir müssen unseren Spielern doch die Chance geben, ein Leben nach der aktiven Karriere aufzubauen. Wir haben damals Benni Höwedes und Julian zu den Spielen und wieder zur Schule gefahren. Und hier in Rheda würde ich gerne einen Campus bauen, zusammen mit der Fachhochschule Lemgo, der soll nach meinem Bruder "Bernd-Tönnies-Campus" heißen.

Frage: Um das Erbe Ihres Bruders gibt es heftigen Streit zwischen Ihnen und dem Sohn Ihres Bruders, Robert. Einen Prozess haben Sie verloren, nämlich den um das doppelte Stimmrecht, das Sie sich haben eintragen lassen, obwohl Sie und Robert gleichermaßen 50 Prozent am Unternehmen besitzen.

Tönnies: Wir werden Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Oberlandgerichts Hamm einlegen. Es mag sein, dass wir formal einen Fehler gemacht haben, weil das Doppelstimmrecht bei der falschen Gesellschaft eingetragen worden ist. Aber in der Rechtsprechung wird doch auch danach gefragt, was der Sinn einer Maßnahme ist. Und der Sinn war, dass ich die Letztentscheidung haben soll. Und eben nicht, dass das Doppelstimmrecht in einer völlig unbedeutenden Tochtergesellschaft verankert wird, ohne jeden Effekt. Warum sollte man so etwas machen?. Ich meine: Eine Gesellschaft braucht eine klare Führung. Sehen Sie doch mal, was aus dem Unternehmen geworden ist seit 1994, als mein Bruder gestorben ist. Aber es wäre besser gewesen, das Ganze klar zu protokollieren. Hier hat der Handschlag offensichtlich nicht funktioniert.

Frage: Ihr Neffe will auch Anteile zurück, die er Ihnen geschenkt hat. Wenn er damit Erfolg hätte, wären Sie die Macht im Unternehmen los.

Tönnies: Mein Bruder hat mir mehrfach zugesichert, dass wir beide gleich viele Anteile an Tönnies haben sollen. Das war der Lohn dafür, dass ich weiter für das Unternehmen gearbeitet habe. Seine Worte waren: "Du musst weiter machen, und du kriegst die 50 Prozent". Ich hätte nie geglaubt, dass man mir das einmal streitig machen würde.

Frage: Blöd nur, dass es nichts Schriftliches gibt.

Tönnies: Na ja, es gibt immerhin notarielle Urkunden. Die will man mit Vorhaltungen widerrufen, ohne dass es für diese Vorwürfe Beweise gibt. Ich habe mich darauf verlassen, und nun soll das nicht mehr gelten. Das ist wirklich Unrecht. Das lasse ich mir nicht gefallen. Von allen Vorwürfen, die mein Neffe gegen mich vorgebracht hat, ist nichts geblieben. Auch nicht, was die vermeintliche Steuerhinterziehung in Liechtenstein angeht. Das hat sich gerade auch beim letzten Gerichtstermin wieder gezeigt. Bis dato gibt es keinen Anhaltspunkt für Verfehlungen meinerseits. Ich werde, wenn nötig, bis zur letzten Instanz für mein Recht kämpfen.

Frage: Was glauben Sie, warum Ihr Neffe gegen Sie vorgeht?

Tönnies: Man will mich aus dem Unternehmen drängen. Das ist wirklich wie bei Dallas oder Denver. Ich habe 40 Jahre lang für das Unternehmen geknüppelt und für die Familie ein Vermögen aufgebaut. Mir jetzt groben Undank vorzuwerfen, das ist wirklich die Höhe.

Frage: Wäre ein Börsengang eine Lösung?

Tönnies: Wir haben über alle möglichen Strategien gesprochen. Ich bin mehrfach mit guten Lösungen auf meinen Neffen zugegangen, aber sobald eine Annäherung stattfindet, werden neue Forderungen nachgeschoben. Es braucht auf beiden Seiten Gesellschafter, die eine faire Lösung wollen. Ich hoffe, dass wir diese Lösung finden.

Clemens Tönnies (58) ist Chef des gleichnamigen Schlachtkonzerns, Eigentümer des Wurstherstellers "Zur Mühlen" (Böklunder, Redlefsen) und Inhaber von 13 Schweinezucht-Betrieben in Russland. Das Wirtschaftsmagazin "Bilanz" führt ihn mit einem Vermögen von 950 Millionen Euro auf Platz 140 der reichsten Deutschen. Doch um das Familienunternehmen, den Fleischkonzern mit Sitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück, gibt es Streit. Der Sohn des Firmengründers Bernd Tönnies, Robert Tönnies, macht seinem Onkel Clemens die Macht im Unternehmen streitig. Das doppelte Stimmrecht, das Clemens Tönnies lange inne hatte, hat ihm das Oberlandesgericht Hamm vor einigen Wochen aberkannt. Vor dem Landgericht Bielefeld verlangt Robert zudem Anteile zurück, die er dem Onkel vor Jahren geschenkt hatte. Bislang haben sowohl Clemens als auch Robert Tönnies 50 Prozent an dem Unternehmen. Setzt sich Robert durch, wäre Clemens Tönnies entmachtet. Tönnies ist der größte deutsche Fleischkonzern. Das Unternehmen beschäftigt 8000 Mitarbeiter, macht einen Jahresumsatz von 5,6 Milliarden Euro, jedes Jahr werden dort 17 Millionen Schweine und über 400.000 Rinder geschlachtet. Doch Clemens Tönnies ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Sportfunktionär. Seit 2001 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligisten FC Schalke 04.