Wer ist angeklagt?

Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank und Präsident des Bankenverbandes, ist der prominenteste Angeklagte. Aber er ist nicht der einzige. Auch seine Vorgänger Josef Ackermann und Rolf-Ernst Breuer müssen sich in den kommenden Monaten vor dem Münchner Landgericht verantworten. Damit laufen vor dem Gericht alle Männer auf, die Deutschlands größte Bank in den vergangenen 18 Jahren geführt haben – sieht man mal von Fitschens Partner Anshu Jain ab.

Ebenfalls angeklagt sind Clemens Börsig, über viele Jahre der Aufsichtsratsvorsitzende des Instituts, sowie Tessen von Heydebreck, ein ehemaliges Vorstandsmitglied. Da es sich um einen Strafprozess handelt, müssen alle Angeklagten persönlich erscheinen. Es ist eines der spektakulärsten Verfahren in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Worum geht es?

Die Staatsanwaltschaft München erhebt gegen die Manager den Vorwurf des Prozessbetrugs, genauer: eines versuchten Betruges "in einem besonders schweren Fall". Es ist ein Vergehen, für das ihnen bis zu zehn Jahren Haft drohen. Börsig und von Heydebreck werden zudem der "falschen uneidlichen Aussage" bezichtigt. Dafür kann eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren verhängt werden.

Darüber hinaus droht auch der Deutschen Bank Ungemach. Das Gericht hat ihre Nebenbeteiligung angeordnet. Im Fall einer Verurteilung ist eine Geldbuße bis zu einer Million Euro möglich.

Wie konnte es soweit kommen?

Der Strafprozess ist die Folge eines viele Jahre währenden Konflikts um die Pleite von Leo Kirchs Medienkonzern im Jahr 2002. Kirchs Lager beschuldigte die Bank von Beginn an, maßgeblich zum Kollaps beigetragen zu haben. Im Visier hatte es dabei vor allem den damaligen Vorstandssprecher Rolf-Ernst Breuer. Der hatte 2002 in einem Fernsehinterview Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit geäußert. Zwei Monate später meldete dessen Konzern Insolvenz an.

Kirchs Anwälte verstrickten die Deutsche Bank daraufhin in eine juristische Fehde, wie sie Deutschlands Wirtschaft noch nicht erlebt hatte. Schließlich kam es 2011 zu einem Zivilprozess. In ihm sagten die Manager aus, die zum Zeitpunkt der Pleite im Vorstand der Bank gesessen hatten. Nach Ansicht der Münchner Staatsanwaltschaft haben sie in diesem Zivilverfahren nach Absprache gelogen, um das Gericht zu täuschen und ihr Haus vor Schadensersatzansprüchen zu bewahren. So sollen Aussagen zum Beispiel in Rollenspielen eingeübt worden sein.

Jürgen Fitschen, so die Staatsanwälte, habe nichts getan, "um den falschen Vortrag zu korrigieren". Sprich: Er soll ein illegales Treiben gedeckt haben. Fitschen selbst sagte zu den Vorwürfen einmal: "Ich habe weder gelogen noch betrogen." Die Deutsche Bank selbst verweist auf die Unschuldsvermutung. Stand heute stützt sie Fitschen als Vorstandschef.

Wieso sollten die Manager gelogen haben?

Kirchs Lager warf der Deutschen Bank stets vor, den Konzern 2002 absichtlich schlecht geredet zu haben, in der Hoffnung, von diesem ein lukratives Mandat zur Zerschlagung oder Sanierung zu erhalten. Um den Vorwurf zu entkräften, sollen die Manager die Ereignisse im Zivilprozess absichtlich falsch dargestellt haben.

Dabei geht es vor allem um das Protokoll einer Vorstandssitzung, die wenige Tage vor Breuers legendärem Interview stattfand. Stritti sind die Interpretation des auf Englisch verfassten Protokolls und die Frage, ob die Deutsche Bank damals von Leo Kirch ein Mandat wollte. Ackermann, Breuer & Co verneinten das, Fitschen wiederum machte nach Ansicht des Gerichts inkonsistente Angaben. Im aktuellen Verfahren geht es nun um Aussagen, eingereichte Schriftsätze und teils einzelne Formulierungen. Die Anklageschrift ist insgesamt 627 Seiten lang.

Wie ist der Fall Kirch selbst zu Ende gegangen?

Das Zivilverfahren, in dem die Manager falsch ausgesagt haben sollen, endete im Dezember 2012 mit einer Verurteilung der Deutschen Bank. Diese wurde verpflichtet, Schadensersatz zu zahlen. Anfang 2014 kam es zu einem Vergleich, bei dem dem die Deutsche Bank rund 925 Millionen Euro hinblättern musste. Leo Kirch selbst erlebte diesen Triumph nicht mehr. Er starb 2011 im Alter von 84 Jahren.

Wie lange dauert der Prozess gegen Fitschen?

Geplant sind zunächst 16 Verhandlungstage bis in den September hinein. Es ist aber denkbar, dass sich das Verfahren noch länger hinzieht. Bisher hat das Gericht einen Verhandlungstermin pro Woche angesetzt. Getagt wird meistens an einem Dienstag, jeweils ab 9.30 Uhr, im Saal B 273/II des Strafjustizzentrums im Zentrum Münchens. Ein Tag pro Woche – das erlaubt Jürgen Fitschen, seinen Pflichten als Bankchef nachzukommen.

Ihm zur Seite steht Hanns Feigen, einer der prominentesten Strafverteidiger Deutschlands. Zuständiger Richter ist Peter Noll, der bereits den Bestechungsprozess gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und ein Verfahren wegen schwarzer Kassen bei Siemens geleitet hat. Das öffentliche Interesse ist groß: Für die Presse gibt es 24 Plätze, aber mehr als zehn mal so viele Journalisten haben sich angemeldet.