Beth Schaffer ist sauer. Extra aus dem 1.200 Kilometer entfernten South Carolina ist sie angereist, um ihrem Ärger in New York Luft zu machen. Die 31-Jährige ist eine von Tausenden, die sich am Columbus Circle an der Südspitze des Central Parks an diesem Nachmittag versammelt haben. Es ist schon ihr siebter Protestmarsch seit Dezember, doch dies ist mit Abstand der größte. "Make our wages super size!" steht auf den Schildern der Gruppen, die Richtung Bühne ziehen. Und: "Don’t be McFooled".

Überall in den USA sind Mitarbeiter der Fastfood-Branche am Mittwoch auf die Straßen gegangen. In mehr als 230 Städten kämpften sie für eine Anhebung des Mindestlohns auf 15 Dollar pro Stunde und ein Recht auf die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft. Solidaritätsmärsche sollte es auch im Ausland geben. Der Erfolg dieser Aktion, schrieben die Organisatoren im Vorfeld, werde die amerikanische Wirtschaft für alle stärken. Die Bewegung werde an diesem Tag größer und mächtiger als je zuvor.

Und tatsächlich erinnert hier kaum etwas an die Anfänge der Occupy-Bewegung, mit denen viele die Protestbewegung bisher verglichen haben. Waren es damals wenige Aktivisten, die sich im New Yorker Zuccotti Park spontan versammelten und ohne klares Ziel Richtung Wall Street brüllten, erinnert der Protestmarsch an diesem Tag eher an die offiziellen Paraden der Stadt zu Thanksgiving. Der Broadway ist weiträumig abgesperrt, auf einer Bühne wird Live-Musik gespielt, ein riesiges Display überträgt die Proteste, sodass sie auch aus der Ferne noch zu sehen sind. Dann setzt sich der Zug in Richtung Times Square in Bewegung.

Das alte Grundgefühl aus dem Zuccotti Park ist jedoch geblieben. "Das, was die Menschen damals auf die Straße getrieben hat, spüren sie noch heute", sagt Linne Harriton. Die pensionierte Lehrerin wohnt nur wenige Straßen entfernt und ist eine der zahlreichen freiwilligen Helfer, die mit ihren orangefarbenen Sweatshirts und Leuchtdioden den Broadway pflastern, um für Ordnung sorgen – damit es die Polizei nicht tun muss. Die Proteste an der Wall Street, sagt die 63-Jährige, hätten den 99 Prozent im Land eine Stimme gegeben und das Gefühl, dass etwas gründlich schieflaufe im Land. "Es ist Zeit, dass wir aufstehen und ein paar Dinge zurechtrücken."

Beschwichtigungsversuch von McDonald's gescheitert

Anfang des Monats hatte McDonald's angekündigt, die Löhne in seinen Filialen ab Juli um mindestens einen Dollar über die Schwelle des Mindestlohns anheben zu wollen. Bis Ende 2016, versprach die Kette, würden die Angestellten dann im Schnitt mehr als zehn Dollar pro Stunde verdienen. Außerdem stellte der Konzern erstmals bezahlte Urlaubstage und finanzielle Unterstützung bei der Weiterbildung in Aussicht. Für den Fastfood-Riesen war dies so etwas wie eine kleine Revolution.

Doch bei den Angestellten kam die Initiative nicht gut an. Denn sie hat einen Haken: Profitieren werden nur die rund 90.000 Angestellten in jenen Filialen, die tatsächlich noch immer von McDonald’s betrieben werden – und das ist ein Bruchteil der Lokale im Land. Fast 90 Prozent der insgesamt 14.000 Läden sind in der Hand von Franchise-Unternehmern, die ihre eigenen Regeln für rund 660.000 Mitarbeiter schreiben.

Auch Beth Schaffer ist bei der Lohnerhöhung leer ausgegangen. "Das muss ja wohl ein Scherz sein, dachte ich", erzählt sie jetzt. Gerade einmal 7,25 Dollar verdient sie, obwohl sie inzwischen seit drei Jahren in der McDonald's-Filiale in Charleston arbeitet. Das Geld reiche noch nicht mal, um den Kühlschrank noch ausreichend zu füllen, wenn alle Rechnungen bezahlt sind. Immer wieder ist Schaffer am Monatsende auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen. Eine eigene Familie zu gründen, daran wagt die 31-Jährige gar nicht erst zu denken. Sie ist sauer auf ihren Arbeitgeber: "Wir machen das Geld für sie und die können uns nicht anständig bezahlen?"

Die meisten halten die Neuerung vor allem für den Publicity-Stunt eines Konzerns, der für viele im heutigen Amerika nicht mehr zeitgemäß wirkt und auf dem Heimatmarkt gegen stark sinkende Umsätze und erfolgreichere und gesündere Wettbewerber kämpft. Mit der Lohnerhöhung, glauben selbst Branchenexperten, wolle sich McDonald’s schlicht als modernes, progressives Unternehmen darstellen.