Es ist noch nicht lange her, Ende April, da warnte der Paritätische Gesamtverband vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Deutschland sei "tief gespalten", sagte Verbandschef Rolf Rosenbrock. "Und die Spaltung wird von Jahr zu Jahr tiefer." Vor allem die Zahl alter Menschen, die staatliche Unterstützung beanspruchten, steige rasant an: Im Jahr 2013 von 470.000 auf 500.000 Personen. Rosenbrock warnte vor einer "Lawine von Altersarmut".

Er stützt sein Urteil auf Daten, die das Statistische Bundesamt im Rahmen seines Mikrozensus erhebt. Wissenschaftler des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) halten diese Datenbasis jedoch für wenig aussagekräftig. Zu viele Einkommensbestandteile würden im Mikrozensus schlicht vergessen, schreiben sie in einem kürzlich veröffentlichten Papier. Sie besorgten sich deshalb Daten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und rechneten nach. Ihr Ergebnis zeigt unsere Grafik, die das Portal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat: Dem IW zufolge ist die Quote der Armen unter den Rentnern derzeit nicht höher als in anderen Altersgruppen.

Behält Rosenbrock recht, könnte sich das in Zukunft ändern. Arm ist für den Paritätischen Gesamtverband übrigens jeder, der weniger als 60 Prozent eines durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Das entspricht derzeit 892 Euro pro Monat. Relative Armut wird das genannt, weil sie sich erst im Verhältnis zum Lebensniveau des Rests der Gesellschaft zeigt. Die Idee dahinter: In wohlhabenden Ländern wie Deutschland bedeutet Armut vor allem mangelnde Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben – etwa, weil das Geld nicht einmal reicht für das Busticket in die Stadt oder den Kaffee beim Bäcker um die Ecke.

Die Definition ist freilich umstritten: Was der Paritätische messe, sei "die Verteilung von Einkommen, aber nicht Armut", sagt beispielsweise der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schröder. "Wer bis drei zählen kann, sieht: Wenn morgen alle das Doppelte hätten, wäre die Quote genauso hoch wie heute."

Wer Armut messen will, darf außerdem nicht nur auf die Einkommen schauen. Auch die Vermögen sind wichtig. Dem Paritätischen zufolge ist Deutschland das Land mit der höchsten Vermögensungleichheit in der Eurozone. Verbandschef Rosenbrock fordert die Bundesregierung deshalb auf, das "Tabu von Steuererhöhungen" zu überdenken. Das passt zur gegenwärtigen Debatte um die Erbschaftssteuer

Auch hier legt das IW eigene Zahlen vor. Ihm zufolge hat jeder 65- bis 74-Jährige im Durchschnitt 136.000 Euro gespart. Bei den über 74-Jährigen seien es immerhin noch 109.000 Euro. Die Hälfte der über 64-Jährigen verfüge über ein Nettovermögen von mindestens 55.000 Euro, ein Drittel gar über mehr als 120.000 Euro. Auch Rentner mit wenig Einkommen könnten in vielen Fällen auf finanzielle Reserven zurückgreifen: Jeder Vierte über 64-Jährige, der im Jahr 2011 als einkommensarm gegolten habe, könne sich mithilfe seiner Ersparnisse mindestens zehn Jahre lang über Wasser halten.

Nehme man Einkommen und Vermögen zusammen, betrage die Armutsquote der über 64-Jährigen, bezogen auf das Jahr 2011, nur 9,4 Prozent, schreibt das IW. Das ist immer noch ein beträchtlicher Anteil. Aber er ist dem IW zufolge deutlich niedriger als in der gesamten Bevölkerung. Grund seien die "nennenswerten Vermögen" der Senioren.