Die Erzieherinnen in kommunalen Betreuungseinrichtungen streiken unbefristet. Dabei geht es ihnen nicht um die Machtsicherung einer Gewerkschaft, und auch nicht ums Geld allein. Weil sich ihre Arbeitsaufgaben in den vergangenen Jahren sehr stark gewandelt haben und sie deshalb höheren Anforderungen gerecht werden müssen, empfinden sich die Erzieherinnen als unterbezahlt. Sie verlangen nicht einfach mehr Geld, sondern eine Höhergruppierung im Tarifgefüge des öffentlichen Dienstes. Sie argumentieren, dadurch erhielten sie auch mehr Anerkennung für die Bedeutung ihrer Arbeit.

Die Aufwertung wäre im Schnitt gleichbedeutend mit zehn Prozent mehr Gehalt. Möglicherweise könnte eine solche Gehaltserhöhung auch helfen, den bestehenden Mangel an qualifiziertem Personal zu bekämpfen. Dennoch: Angesichts der im Jahr 2014 üblichen Tariferhöhungen von drei Prozent klingt eine derartige Forderung schlicht unmäßig. Sollen tatsächlich Steuergelder dazu verwendet werden, die Vorstellung einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Erwerbstätigen über den Wert und den Preis ihrer Arbeit zu verwirklichen?

Tatsächlich hat sich die vorschulische Betreuung in den vergangenen Jahren sehr verändert, und zwar quantitativ wie qualitativ. Der Bedarf an Betreuungsplätzen ist anhaltend stark gestiegen – verursacht durch veränderte individuelle Lebenskonzepte und das gesetzlich verankerte Recht auf einen Betreuungsplatz. Seit 2006 nahm die Anzahl der Betreuungseinrichtungen um rund 11 und die der Betreuungsplätze um 13 Prozent zu. Zugleich ist die Zahl der Erzieherinnen um 48 Prozent gewachsen. 

Das hat etwas mit Betreuungsschlüsseln zu tun, aber vor allem mit den qualitativen Veränderungen. Die Erzieherinnen sollen nicht mehr nur einfach mit den Kindern spielen und sie beaufsichtigen. Stattdessen wird von ihnen erwartet, den Kindern zentrale Kompetenzen zu vermitteln und jedes Kind individuell zu  fördern. Befeuert wird der Wandel mit Erkenntnissen aus der Bildungsökonomie: Die frühkindliche Bildung ist für das spätere Erwerbsleben viel wichtiger als die späteren Bildungsphasen. Und weil dies viele Eltern wissen oder ahnen, haben sich auch ihre Ansprüche an die Inhalte vorschulischer Betreuung gewandelt.

Die Erzieherinnen müssen den veränderten Anforderungen gerecht werden. Wie ein Forschungsprojekt der Universität Bielefeld ergab, übernehmen sie nicht nur höherwertige Bildungsaufgaben, sondern sie bewerten auch den Bildungserfolg und die individuelle Entwicklung der Kinder. Damit treffen sie Entscheidungen, die den Bildungsverlauf nachhaltig beeinflussen. Sie verfügen nicht nur über mit Grundschullehrern vergleichbare Entscheidungskompetenzen, sondern sie fällen ihre Entscheidungen auch mit den Lehrern und arbeiten in der Praxis vermehrt mit ihnen zusammen. 

Mehr Geld für Kita-Erzieher

Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn die Erzieherinnen sich ungerecht entlohnt fühlen. Die Forschung zeigt, dass Arbeitnehmer ihren Lohn vor allem dann als gerecht empfinden, wenn sie für ihre Leistung ein Gehalt beziehen, das der Bezahlung von anderen mit vergleichbaren Tätigkeiten entspricht. Die Erweiterung der Aufgaben und eine Angleichung des Kompetenzprofils an Grundschullehrer führt deshalb zur Erwartung, diesen im Status als pädagogische Fachkraft und in der Entlohnung wenn nicht gleich, so doch ähnlicher gestellt zu sein.

In marktwirtschaftlich gesteuerten Gesellschaften werden derartige Probleme eigentlich über den Markt gelöst – und in der Tat gibt es Entwicklungen, die darauf hindeuten. So ist mit dem Bedarf an Betreuungsplätzen auch das Angebot an Kitas und ähnlichen Einrichtungen gestiegen. Dahinter steckt nicht nur der Staat: Seit 2006 hat sich die Zahl privater Betreuungseinrichtungen verdreifacht. Der Markt wirkt also jetzt schon. 

Auch was das veränderte Qualifikationsprofil von Erzieherinnen anbelangt, sind bereits Lösungen auf dem Weg: Der Beruf wird akademisch – die Absolventenzahlen kindheitspädagogischer Studiengänge steigen jährlich mit Raten von 14 und mehr Prozent. Aufgrund des gestiegenen Bedarfs an hochqualifizierten Erzieherinnen können diese Absolventen mit Wettbewerbsvorteilen am Arbeitsmarkt rechnen und auch höhere Löhne einfordern. Damit ist zu erwarten, dass sich generell der Wert und der Preis der Arbeit von Erzieherinnen erhöht. Dem kommt zugute, dass viele Eltern bereit sind, die daraus sich ergebenden Preissteigerungen in Kauf zu nehmen. Somit ist anzunehmen, dass sich das Problem ungerechter Löhne mittelfristig lösen wird.

Gute Betreuung nur für Kinder der Reichen?

Man könnte sich somit entspannt zurücklehnen und die unsichtbare Hand des Marktes walten lassen – denn auch kommunale Träger werden irgendwann das Lohniveau anheben müssen, wenn sie qualifiziertes Personal erhalten wollen. Das Problem ist, dass wir uns noch in einer Übergangsphase befinden, denn der Markt benötigt Zeit. Im Moment rufen seine Mechanismen eher Folgen hervor, die nicht im Interesse der Beteiligten sind. 

Zum Beispiel die Expansion privater Betreuungsanbieter: Sie treiben die Nachfrage nach gut ausgebildeten Erzieherinnen in die Höhe. Erzieherinnen, die sich ihren Arbeitsplatz aussuchen können, werden eine Kita wählen, die ihnen die besten Bedingungen bietet. Vermutlich ist das eher eine Kita, deren Kunden höhere Betreuungskosten selbst tragen wollen und können. Wenn aber die hochqualifizierten Erzieherinnen mehrheitlich bei den teuren privaten Kitas arbeiten, entsteht ein Markt, auf dem sich nur noch die Wohlhabenden eine gute Betreuung ihrer Kinder leisten können. Das ist umso problematischer, weil frühkindliche Bildung herkunftsbedingte Benachteiligungen im weiteren Bildungsverlauf nachhaltig ausgleichen kann – und die Kinder der Reichen vermutlich eher nicht benachteiligt sind.

Ungerechtigkeit und innere Kündigung

Wenn sich die Erzieherinnen an ihrem Arbeitsplatz ungerecht behandelt fühlen, können die Folgen noch viel brisanter sein – zumindest für Eltern, die auf einen Wandel durch Markt nicht warten können, weil sie jetzt ihre Kinder in einer Kita haben. Die Forschung zeigt eindeutig, dass erfahrene Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz nicht nur zu psychischen und physischen Krankheitssymptomen und damit zu erhöhten Fehlzeiten führen, sondern auch Hand in Hand mit Phänomenen der inneren Kündigung gehen. Sie führen also zu geringerem Engagement und zu einer geringeren Bereitschaft, mit anderen zusammenzuarbeiten und Aufgaben zu übernehmen, die über das Geforderte hinausgehen.

Die deutlichsten negativen Konsequenzen haben aber nicht die wahrgenommenen Lohnungerechtigkeiten. Viel weitreichender sind solche, die sich darauf beziehen, wie man vom Arbeitgeber behandelt wird und ob man eine angemessene Anerkennung von ihm erhält. Bemerkenswert ist dabei, dass wer sich vom Arbeitgeber anerkannt und fair behandelt fühlt, bereit ist, geringere Löhne in Kauf zu nehmen.

Genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis und der Lösung der aktuellen Tarifauseinandersetzungen: Die Kita-Beschäftigten wollen selbstverständlich mehr verdienen. Im Unterschied zu anderen aktuellen Tarifauseinandersetzungen gründet dieser Wunsch aber auf einem Anerkennungsdefizit, das Folge realer Veränderungen in den Erwartungen und Anforderungen von Eltern und Politik ist. Dass dieser Wunsch zu Lasten des Steuerzahlers geht, liegt auf der Hand.

Dennoch wäre ein Entgegenkommen nur die konsequente Fortführung der bisherigen vorschulischen Bildungspolitik: Die Erzieherinnen in eine höhere Gehaltsstufe einzugruppieren könnte zu einer rascheren Anhebung des Lohn- und Anerkennungsniveaus von Erziehern beitragen, und damit zu einer nachhaltig besseren und attraktiveren Vorschulbildung.