Perfekte Routine. In gerade einmal zwei Minuten hakt Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem das Thema Griechenland auf der Pressekonferenz am Abend ab. Ja, der griechische Kollege, also Yanis Varoufakis, habe die Runde über den aktuellen Verhandlungsstand informiert. Und die Euro-Finanzminister hätten die Fortschritte gewürdigt, die es gerade in den vergangenen Tagen gegeben habe. Die Neuorganisation habe doch viel gebracht, alles sei jetzt viel effizienter.

Das war es dann aber auch schon. Am Ende des gerade einmal elf Zeilen knappen Statements  steht es wieder schwarz auf weiß: Geld gibt's nur, wenn Griechenland erfolgreich das zweite Hilfsprogramm abschließt. Die Gläubiger machen weiter Druck, pochen auf die Einigung von Ende Februar. Finanzminister Varoufakis kämpft noch darum, dass zumindest im Abschlussstatement auch steht, dass sich die Gläubiger ebenfalls bemühen sollen – vergeblich.

 Stattdessen machen Dijsselbloem und EU-Währungskommissar Pierre Moscovici noch einmal unmissverständlich klar: Griechenland muss viel mehr vorlegen, noch detaillierter seine Reformvorhaben beschreiben. Wenn es Renten- und Arbeitsmarktreformen nicht wolle: Was dann? Die ausstehenden 7,2 Milliarden Euro erhalte Griechenland nur, wenn man sich mit der Troika auf umfassende Reformen geeinigt habe, das griechische Parlament und auch die nationalen Gremien wie etwa der Bundestag (oder nur der Haushaltsausschuss, so klar ist das noch nicht) der Auszahlung zugestimmt haben. Und nicht ohne Hintergedanken verweist Dijsselbloem noch auf Irland, das doch gerade beweise, wie gut die Strukturreformen dem Ex-Eurokrisenland getan hätten: Die Wirtschaft wachse, die Arbeitslosigkeit sinke.

Das ist sicherlich nicht das, was die griechische Regierung hören wollte. Immer wieder war spekuliert worden, dass Athen auf ein politisches Signal hoffe, das es der Europäischen Zentralbank (EZB) ermöglicht, die akuten Finanzengpässe zu lindern. Doch genau dafür reicht dieses Statement nicht aus. Geschweige denn, dass die EZB das will. Sie will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, politisch instrumentalisiert zu werden.

Athen hatte sich sogar noch am Montag kräftig ins Zeug gelegt. Am Spätnachmittag verkündete das Finanzministerium, dass es die 750 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen habe – sogar einen Tag vor Fälligkeit. Den IWF machte so viel griechische Eile ganz sprachlos, vor Ablauf der offiziellen Frist am Dienstag wollte er sich nicht dazu äußern. In den vergangenen Tagen war mit Spannung erwartet worden, ob Griechenland die Rate überhaupt bedienen kann.  Schließlich ist die Liquiditätslage Athens "ein schrecklich dringendes Problem", wie Varoufakis sagt. Ob Griechenland nun noch genügend Mittel hat, am Monatsende Pensionen und Gehälter zu zahlen, ist offen.

Die Arbeitsatmosphäre mag sich also verbessert haben. Und Finanzminister Wolfgang Schäuble nahm sich vor dem Treffen sogar Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Varoufakis – obwohl Vertreter des Finanzministeriums immer wieder durchblicken ließen, wie genervt sie von den zähen Verhandlungen mit der Syriza-Regierung waren.

Differenzen nach wie vor groß

Doch trotz all der Wohlfühlbeteuerungen: Am grundsätzlichen Problem hat sich nichts geändert. Zu groß sind noch immer die Differenzen zwischen Kreditgebern und Griechenland darüber, welche Reformen tatsächlich nötig sind und welche Folgen sie haben werden. Zugleich stehen weitere Zahlungen an: Der IWF erwartet schon Anfang Juni die nächste Rückzahlung, im Juli und August pocht dann auch noch die EZB auf 6,7 Milliarden Euro. Um überhaupt seine internationalen Gläubiger zu bedienen, greift Griechenland zurzeit sogar auf Finanzreserven von Kommunen und Städten zurück. Ein drittes Hilfspaket – in welcher Form auch immer – gilt schon jetzt als abgemacht.

Gerade einmal sechs Wochen Zeit hat Griechenland noch, bis die Verlängerung des zweiten Hilfspakets Ende Juni ausläuft. Den Zeitplan könnte außerdem noch ein mögliches Referendum durcheinanderbringen. Der griechische Premier Alexis Tsipras hatte jüngst immer wieder die Idee ins Spiel gebracht, sein Volk über die  Reformen abstimmen zu lassen, falls sie dem Syriza-Wahlprogramm widersprechen würden. Schäuble hatte die Idee am Montag überraschend für gut befunden. "Das wäre vielleicht sogar eine richtige Maßnahme, das griechische Volk entscheiden zu lassen", sagte er in Brüssel.

Zum vollständigen Bild gehört allerdings auch: Griechische Regierungschefs haben keine guten Erfahrungen mit Referenden – und auch die deutsche Bundesregierung spielt eine unrühmliche Rolle. Vor vier Jahren hatte der damalige Ministerpräsident Georgios Papandreou ein Referendum ins Spiel gebracht – und war auf großen Widerstand der Bundesregierung gestoßen. Papandreou wollte über das ausverhandelte Reformprogramm noch einmal abstimmen lassen. Am Ende wurde es unter anderem von Deutschland und Frankreich als eine Abstimmung über den Verbleib Griechenlands im Euro inszeniert – und Papandreou musste zurücktreten. "Letztlich wäre auch dies ein Referendum über den Verbleib in der Eurozone", sagt Guntram Wolff, der den Thinktank Bruegel in Brüssel leitet, über die Tsipras-Pläne. Die Griechen müssten entscheiden, ob sie mit dem Verbleib in der Eurozone einverstanden seien und bestimmte Grundregeln akzeptierten – oder nicht. Wolff betont, dass auch die Troika einen Schritt auf Athen zugehen müsse. "Gleichzeitig müssten die Gläubiger im Falle eines Referendums aber auch einen realistischen Plan bezüglich der Konditionen und Rückzahlungen anbieten."