In Griechenland ist es gerade seltsam still. Keine Massendemonstrationen in der Athener Innenstadt. Die Verhandlungen zwischen Kreditgebern und Regierungsvertretern haben jüngst sogar wieder Fahrt aufgenommen. Der letzte Generalstreik? Ist schon fast ein halbes Jahr her. Zugespitzt könnte man sagen, dass ausgerechnet die radikallinke Syriza-Regierung Griechenland so etwas wie stabile Verhältnisse beschert hat.

In Deutschland scheint dagegen das Chaos auszubrechen. Die Lokführer streiken, die Kindergärtner legen die Arbeit nieder und ausgerechnet im Schwarze-Null-Berlin wird das Bargeld knapp.

Die Leute des Geldtransportunternehmens Prosegur aus Potsdam sind in einen unbefristeten Streik getreten. Ver.di fordert für sie einen neuen Haustarifvertrag, mehr Urlaubs- und Weihnachtsgeld und überhaupt mehr Wertschätzung für den gefährlichen Beruf des Geldtransporteurs. Seit Montagnachmittag gibt es langsam kein Bargeld mehr an den Automaten der Deutschen Bank, der Commerzbank, der Berliner Bank. Selbst der Weg ins Umland bringt nichts: Auch Brandenburg – inklusive einiger Sparkassen – wird bestreikt.

Vielleicht ist das die gottgesteuerte Rache für fünf Jahre verfehlte Euro-Rettungspolitik: Jetzt merkt Deutschland möglicherweise, wie es ist, wenn ein Land langsam in den Ausnahmezustand abrutscht. Nichts geht mehr, wenn die Lokführer den Bahnverkehr in den kommenden Tagen lahmlegen. Und das im Land des Weltmeisters in Sachen Wettbewerbsfähigkeit und Wohlorganisiertheit. Es ist der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn. In Brandenburg streiken eh schon seit vergangener Woche die Bus- und Straßenbahnfahrer, das Bundesland ist fast komplett lahmgelegt.

Und damit nicht genug: Ab Freitag könnte es dann deutschlandweit die ersten unbefristeten Streiks in den Kitas geben. Seit Montag stellt sich noch eine weitere Berufsgruppe quer: die Ärzte. Frank-Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, hat bereits seinen Protest gegen das geplante Tarifeinheitsgesetz angekündigt. Fehlt nur noch, dass die Müllmänner und gleichzeitig auch noch die Cockpit-Piloten die Arbeit niederlegen.

Es ist ausgerechnet die Institution "Streik", die Deutschland und Griechenland dieser Tage verbindet. In Deutschland sind die Arbeitskämpfe die Folge einer gut laufenden, exportgetriebenen Wirtschaft. Der Verteilungskampf hat begonnen, jede Berufsgruppe fordert jetzt ihren Anteil am Erfolg.

Die Griechen dagegen haben gestreikt, weil Sparauflagen und Reformdruck der Kreditgeber sie zermürbt haben. Weil ihre Wirtschaftskraft um unglaubliche 25 Prozent eingebrochen ist. Was die Überschüsse des einen (Deutschland) sind, sind die Defizite des anderen (Griechenland).