So etwas gab es noch nie: Innerhalb weniger Tage sind die Zinsen in Deutschland um fast einen Prozentpunkt gestiegen. Die Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen stieg von nahezu null auf knapp ein Prozent.

Das klingt abstrakt, betrifft aber – weil diese Anleihe und nicht etwa der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) als Taktgeber für viele langfristige Zinssätze im Wirtschaftsleben fungiert – Millionen von Menschen. Baugeld ist bereits teurer geworden, und auch der Staat muss höhere Zinsen bezahlen, wenn er sich frisches Geld borgt.

Eigentlich ist das eine gute Nachricht, nicht nur für die Sparer. Die Zinsen waren so niedrig, weil die Investoren darauf setzten, dass wegen der schwachen Konjunktur die Preise fallen und weniger Kredite aufgenommen werden – und die EZB deshalb noch mehr Geld in den Markt pumpt.

Der jetzige Zinsanstieg zeigt, dass sich die Deflationssorgen verflüchtigt haben. Die Konjunktur in Europa zieht an, und auch die Inflation steigt wieder. Das deutet darauf hin, dass das Anleiheprogramm der EZB erfolgreich war und nicht mehr verlängert werden muss oder sogar vorzeitig gestoppt werden kann. Weil die Marktteilnehmer das vorwegnehmen, wetten sie schon heute auf steigende Zinsen und stoßen ihre alten Anleihen ab. Mario Draghi hat Europa – wieder einmal – gerettet.

Allerdings scheinen die Investoren Maß und Mitte zu verlieren. Die Deflationsgefahr mag gebannt sein, aber eine Überhitzung der Wirtschaft mit stark steigenden Inflationsraten ist nicht in Sicht. Das zeigen auch die schwachen Auftragseingänge aus Deutschland heute. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass die EZB das Geld schnell wieder einsammeln muss. Es ist nicht das erste Mal, dass die Akteure an den Märkten zu Übertreibungen neigen.

Die Zinsen werden also noch einige Zeit niedrig bleiben. Klar ist aber auch, dass die Phase des extrem billigen Geldes irgendwann zu Ende geht. Das ist die Botschaft dieser Tage.