Es ist ein Samstag im Silicon Valley, als der Journalist Ashlee Vance auf das Werksgelände von Tesla Motors fährt. Er ist dort mit Firmenchef Elon Musk verabredet. Auf dem Parkplatz stehen die Autos von Hunderten von Mitarbeitern, die jungen Ingenieure des Elektroauto-Herstellers verbringen ihr Wochenende in den Büros und Labors, entwerfen dort am Computer Autoteile oder experimentieren mit der Fahrzeugelektronik.

Vance ist beeindruckt, an einem Samstag so viele Leute im Büro zu sehen. Das sagt er Musk sofort. Doch der Boss ist nicht begeistert, sondern sauer. Immer weniger Mitarbeiter kämen am Wochenende zur Arbeit, gerade wollte er schon in einer E-Mail an die Belegschaft darauf hinweisen. "We've grown fucking soft", sagt er ("Wir sind zum Teufel noch mal nachlässig geworden").

Es gibt Chefs, die ihren Mitarbeitern viel abverlangen: Wochenendarbeit, Überstunden, Stress. Und dann gibt es Elon Musk. Es sind Anekdoten wie diese, die Ashlee Vance in der gerade erschienen Biografie (Wie Elon Musk die Welt verändert) gesammelt hat, die Musk als Inbegriff des fordernden Vorgesetzten zeigen. Der Multimilliardär, Unternehmer und Visionär, der mit dem Elektrofahrzeughersteller Tesla Motors und dem Raumfahrtunternehmen SpaceX zwei bahnbrechende Unternehmen führt, spielt nicht nur finanziell in einer eigenen Liga. Auch die Erwartungen, die er an seine Belegschaft stellt, schweben in astronomischen Höhen.

Wer den Ansprüchen nicht genügt, findet keine Gnade

Wer seinen Ansprüchen nicht genügt, darf nicht mit Gnade rechnen. Er ist aufbrausend, wenn seine Leute Fehler machen. Er spuckt dann Kaffee über den Konferenztisch oder droht Mitarbeitern damit, ihnen "die Eier abzuschneiden". Er verlangt nichts weniger als die totale Hingabe zu seinen Unternehmen – und damit zu seinen Visionen. Auch von sich selbst.

100 Stunden arbeitet er pro Woche, heißt es, die Bezeichnung "Workaholic" wäre untertrieben. Hat er ein Ziel vor Augen, wird er zum "Terminator", wie seine erste Ehefrau Justine es nennt. Er lässt sich von nichts aufhalten. Diese Zielstrebigkeit lässt manche zu dem Schluss kommen, Musk sei ein unerträglicher Chef. Vances Biografie zeigt, dass sie es auch war, die Musk von einem unglücklichen Jungen in Südafrika zum Star des Silicon Valley gemacht hat.  

Elon Musk, Jahrgang 71, wuchs in Pretoria im Südafrika der Apartheid auf. Hört man ihn heute darüber reden, waren seine Kindheit und Jugend keine schöne Zeit. "In der Schule wurde ich von Gangs gejagt, die die Scheiße aus mir herausprügeln wollten und wenn ich dann nach Hause kam, war es dort genauso schrecklich. Es war wie Nonstop-Terror", sagte er seinem Biografen.

Mit Zwölf mischte er schon Treibstoff für Raketen

Seine Zeit verbrachte er vor allem mit Lesen. Er sog das Wissen aus den Büchern auf – und wandte es dann auf eine Weise an, die seine spätere Karriere zumindest erahnen ließ: Mit zwölf Jahren schrieb er bereits den Code für ein Computerspiel, mit seinem Bruder Kimbal und seinen Cousins mischte er Salpeter, Schwefel und Holzkohle oder Bremsflüssigkeit und Chlorpulver, als Treibstoff für seine Modell-Raketen.

Er konnte es kaum erwarten, dieser Jugend zu entfliehen. "Für jemanden wie Elon war Südafrika wie ein Gefängnis", sagt sein Bruder. Mit 17 wanderte er deshalb nach Kanada aus, kurz darauf begann er dort ein Studium. Sein großes Ziel lag aber weiter südlich: USA, Kalifornien, Silicon Valley. Zusammen mit Kimbal machte er sich in den Semesterferien dort auf die Suche nach Geschäftsideen.

Im Jahr 1995 wurden sie fündig. Gerade fertig mit dem Studium gründeten die Brüder in Palo Alto ihre erste Firma, Zip2, eine Art Gelbe Seiten mit Kartennavigation. Vier Jahre später kaufte Compaq das Unternehmen für 307 Millionen Dollar, Elon Musk bekam davon 22 Millionen. Fast alles steckte er in sein nächstes Projekt, X.com, das später im Bezahldienstleister PayPal aufgehen sollte. Musk war größter Einzelaktionär als Ebay im Jahr 2002 PayPal für 1,5 Milliarden Euro kaufte.

"Urlaub machen bringt dich um"

Die frisch gewonnen PayPal-Millionen wollte er nutzen, um seine lange gehegten Visionen zu verwirklichen: Er investierte 100 Millionen Dollar in SpaceX, 70 in Tesla und 30 in SolarCity. Seine Ziele sind übergroß. Er will nicht einfach irgendeine App, irgendeine kleine Verbesserung entwickeln. Tesla und der Solarmodulhersteller SolarCity sollen die Art verändern, wie Menschen Energie erzeugen und verbrauchen. SpaceX baut Raketen, die vorerst Satelliten und Versorgungspakete in die Erdumlaufbahn und irgendwann die Menschheit zum Mars bringen sollen. Dabei kämpft Musk gegen die Raumfahrt-Monopole von Staaten an und macht etablierten Riesenkonzernen aus dem Energie- und Automobilsektor Konkurrenz.

Dahinter verschwinden alltägliche Sorgen. "Wenn es eine Möglichkeit gäbe, auf Essen zu verzichten, damit ich mehr arbeiten kann, würde ich aufhören zu essen", sagte er einmal einer Freundin. Und auch von längeren Arbeitspausen hält er nicht viel, seit er bei einer Reise eine schwere Malaria-Infektion erlitten hatte. "Das ist die Lektion, die ich über Urlaub gelernt habe: Urlaub machen bringt dich um."

Diese Opfer erwartet er auch von seinen Untergebenen. Als Tesla Motors im Jahr 2008 knapp vor der Pleite stand, weil zu hohe Kosten und Produktionsverzögerungen die Kassen langsam aber sicher ausbluteten, verordnete Musk ein Sparprogramm. Jeder Mitarbeiter sollte wissen, was jedes einzelne Teil kostet. Und diese Kosten dann möglichst geschickt senken. Dazu verlangte er vollen Einsatz.

Ab sofort wird unterm Schreibtisch geschlafen

In einer Rede vor der Belegschaft erklärte er, dass ab sofort samstags und sonntags gearbeitet und unter den Schreibtischen geschlafen würde. Bis alles erledigt und der Roadster, Teslas erstes Serienmodell, ausgeliefert werden könnte. Auf den Hinweis eines Mitarbeiters, dass er und seine Kollegen sowieso schon extrem hart gearbeitet hätten, und dass es an der Zeit sei für eine Pause und die eigenen Familien wieder zu sehen, antwortete Musk: "Ich würde dazu sagen, dass die Leute sehr viel Zeit für ihre Familien haben werden, wenn wir pleite sind."

Wer nicht mitziehen wollte, verlor mitunter seinen Job. Wer ihm folgte, arbeitet heute bei einem der innovativsten Autobauer der Welt. Tesla fertigt und verkauft die elektrisch getriebene Limousine Model S in Serie, wenn auch noch in kleinen Stückzahlen. Im Herbst dieses Jahres will Musk mit dem Model X bereits das dritte Modell ausliefern. Und auch bei SpaceX wird die Vision des Gründers langsam zur Wirklichkeit. Das Modell Falcon 9 startet mittlerweile jeden Monat ins All. Die Welt von Elon Musk nimmt Gestalt an. Wer ein Teil davon sein will, sollte nicht nur hart arbeiten, sondern auch auf einiges verzichten.