In diesen Tagen ist Berlin einmal mehr zur Hauptstadt Europas geworden. Eine Entscheidung über die Zukunft Griechenlands im Euro ist ohne ein Okay aus dem Kanzleramt kaum möglich.

Wer am Ende entscheidet, zeigte bereits das Spitzentreffen Anfang des Monats: IWF-Chefin Christine Lagarde, EZB-Präsident Mario Draghi, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Frankreichs Staatspräsident François Hollande wollten zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel ein letztes Angebot an die griechische Regierung ausformulieren. Und wo trafen sie sich? Im Kanzleramt in Berlin.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras weiß genau um Merkels zentrale Rolle – schließlich trägt Deutschland den größten Teil der griechischen Hilfsmilliarden. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass Tsipras das griechische Rentensystem ausgerechnet in einer deutschen Tageszeitung, dem Berliner Tagesspiegel, verteidigt. Und sein Finanzminister Yanis Varoufakis wünschte sich erst kürzlich von Merkel eine "Hoffnungsrede" für das griechische Volk. 

Und die Kanzlerin? Sie bleibt bislang seltsam unbeteiligt. Am Donnerstag hielt Merkel im Bundestag eine Regierungserklärung anlässlich des EU-Gipfels in der kommenden Woche. Eigentlich haben solche Ansprachen lediglich rituellen Charakter: Die Kanzlerin fährt nach Brüssel – und einige Tage zuvor erklärt sie dem Bundestag die Themenlage.

Nur diesmal ist es ein besonderes Tag: Am Mittag ist Finanzminister Wolfgang Schäuble nach Luxemburg gereist, wo die Eurogruppe wohl den letzten Versuch starten wird, Griechenland zu weiteren Reformzusagen zu bewegen. Schon jetzt dämpfen alle Beteiligten die Erwartungen. Völlig offen ist, ob nicht am Wochenende die Staats- und Regierungschefs der Eurozone zu einem kurzfristig anberaumten Griechenland-Sondergipfel nach Brüssel reisen werden. Ein Grexit ist schon seit Tagen kein Tabu mehr, selbst Vizekanzler Sigmar Gabriel nimmt das Wort bereits in den Mund.

Aber Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie sich auf das öffentliche Drama einlassen würde. Fast schon widerwillig erwähnt die Bundeskanzlerin in ihrer Rede Griechenland, obwohl das Land ja eigentlich "nicht auf der Tagesordnung" des EU-Gipfels stehe. 

Wenig Emotion, viel Prinzip

Es ist eine typische Merkel-Rede, wenig Emotionen und Brimborium, dafür viel Prinzipienreiterei. Was auffällt: Ihren zentralen Satz "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa", mit dem sie im Jahr 2010 vor den Bundestag trat, wiederholt sie diesmal nicht. Im Gegenteil, sie verweist darauf, dass Europa heute "unstrittig robuster" dastehe als noch vor einigen Jahren. "Es bleibt dabei, die Bemühungen Deutschlands sind darauf gerichtet, dass Griechenland in der Eurozone bleibt", sagt sie. Einmal mehr appelliert sie an Athen, dass ein Deal weiterhin möglich sei, wenn Griechenland sich auf die notwendigen Strukturreformen einlasse. Kein Wort über weitere Zugeständnisse für die Griechen. 

Alles ist möglich: Grexit oder Kompromiss

Was heißt das für Griechenland? Alles ist möglich, ein Grexit, aber auch ein Kompromiss in letzter Minute. Aber würde Merkel tatsächlich einen Euro-Austritt Griechenlands zulassen? Lange Zeit hatte man den Eindruck, als ob die Bundeskanzlerin deutlich moderater mit Griechenland umgeht als ihr Finanzminister und Parteikollege Wolfgang Schäuble. Inzwischen ist das Finanzministerium aber weitgehend aus dem Rennen. Auf dem entscheidenden Griechenland-Gipfel im Kanzleramt war Schäuble nicht anwesend.   

Schäuble spielt für Merkel aber immer noch eine wichtige Rolle. Sie braucht ihn, um am Ende einen irgendwie gefundenen Kompromiss der Unionsfraktion zu verkaufen und die eigenen Reihen zu schließen. Wird das zweite Rettungspaket verlängert, was als wahrscheinlichste Variante gilt, muss der Bundestag dem noch in diesem Monat zustimmen. Schon jetzt mehren sich die Stimmen der Kritiker, die keine weiteren Hilfen gewähren wollen, erst recht nicht auf den letzten Drücker. Und in den Umfragen begrüßen immer mehr Deutsche inzwischen einen Grexit.

Über all dem steht Merkels außenpolitisches Ansehen: Kaum zu glauben, dass Merkel – zusammen mit Hollande und Draghi – die Politikerin sein will, die das Ende der Eurozone eingeleitet hat. "Unter Merkel brach der Euro": Einen solchen Satz wird auch die Kanzlerin nicht in ihrer Biografie lesen wollen.