Ich mag keine Vorurteile, Stereotypen beunruhigen mich. Wenn Touristen hier in Manila eine Gruppe von Straßenkindern sehen, dann ist für sie klar: Die nehmen Drogen und klauen. Natürlich, Taschendiebe gibt es. Aber das heißt nicht, dass alle Kinder gleich sind. Ich kenne diese Kinder. Ich habe selbst lange auf der Straße gelebt.

Aufgewachsen bin in einer informellen Siedlung in Manila. Wir wohnten in einer winzigen Hütte, es gab ein einziges Zimmer für mich, meine Eltern und vier Geschwister. Vater und Mutter sind vom Land nach Manila gezogen. Sie brauchten Arbeit und wollten Geld nach Hause schicken – aber beide fanden keinen festen Job. Wir hatten so viele Probleme, die Familie ist daran zerbrochen. Vater kehrte zurück in sein Dorf. Mutter hat oft getrunken, und wir hatten viel Streit. Ich hatte niemanden, mit dem ich sprechen konnte, der mir etwas beigebracht hat. 

Ich bin nachts weggegangen, da war ich sechs Jahre alt. An die erste Zeit auf der Straße erinnere mich nicht mehr genau. Manchmal tat ich mich mit anderen Kindern zusammen. Wenn einer ein paar Extrapesos bekam, teilten wir uns den Reis. Wasser haben wir in einem kleinen Restaurant geholt. Eines Tages bot mir eine Frau, als sie mich weinen sah, etwas zu essen an und fragte: Willst du Blumen verkaufen? Das habe ich gemacht, zweieinhalb Jahre lang. Ich schlief auf Pappe, nachts gab es oft Ratten. Über die Einzelheiten rede ich nicht gerne.

Meist arbeitete ich bis in die Nacht. Aber jeden Morgen um fünf Uhr bin ich in die Grundschule gegangen. Die Freunde waren mir wichtig, und ich habe gern gelernt. Eine Lehrerin versuchte mich zu überzeugen: Geh doch wieder nach Hause, sagte sie. Als sie merkte, dass ich Angst vor meiner Mutter hatte, ließ sie mich in der Schule übernachten. Ich bekam einen kleinen Schrank, darin konnte ich meine Hefte und Bücher verwahren. Einige Lehrer gaben mir nachmittags Stunden, damit ich länger schlafen konnte. Meinen Abschluss habe ich dann mit Auszeichnung gemacht. 

Ich hatte Glück, dass mich immer wieder aufmerksame Menschen unterstützt haben. Eine Organisation namens Childhope Asia hat mir ermöglicht, die höhere Schule zu besuchen. In der Zeit habe ich geholfen, Straßenkinder zu unterrichten, mit ihnen Theater zu spielen und ein bisschen erste Hilfe zu leisten.  

Dann hat mich ein Sozialarbeiter für ein Stipendium vorgeschlagen, um im United World College in Freiburg das Abitur zu machen. Es gibt kein Wort dafür, wie ich mich gefühlt habe, als ich nach der Aufnahmeprüfung akzeptiert wurde. Die SMS mit der Zusage habe ich ungläubig gelesen, wieder und wieder.

Daniel Dejapin © privat

In Deutschland habe ich mich sehr verändert! Nicht nur, weil ich jetzt so richtig ordentlich geworden bin. Mein ganzer Horizont hat sich geweitet. Erst war natürlich alles fremd, aber besonders meine Zimmergenossen haben mich unterstützt. Einer kam aus Serbien, einer aus Spanien, einer aus Hamburg. Ich bin jetzt 20 Jahre alt – sie sind jünger, aber wirkten viel erwachsener. "So ist das hier in Europa", haben sie gesagt.

Ich bin gerade in den Ferien in Manila, dort wohne ich bei meinen Eltern. Meine Mutter hat sich schon vor Jahren verändert, und wir sind einander wieder nahegekommen. Mit 14 bin ich wieder zu Hause eingezogen. Heute arbeitet Mutter als Wäscherin, Vater ist Schreiner und auch wieder bei ihr.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Solange ich hier bin, verfolge ich mit Freunden mein soziales Projekt. Ich sammle Geld, damit Straßenkinder Flip-Flops und ein paar Hygiene-Sachen bekommen. Viele haben keine Sandalen und verletzen sich. Hundert Kinder haben wir schon versorgt.

Auch auf den Philippinen gibt es Sozialprogramme für arme Familien. Ich finde aber, besser als Geld zu verteilen wäre es, wenn die Regierungen überall auf der Welt genügend Arbeitsmöglichkeiten schafften. Arbeit auch für Leute, die keine so gute Ausbildung haben, damit sie in Würde leben können. Ich sehe es wie mein früherer Schuldirektor, er sagte mal zu mir: Man ist nicht schuld daran, dass man im Slum leben muss. Die Leute, die so viel Geld haben, dass sie lernen und etwas aus sich machen können, haben Glück gehabt.

Ich möchte hart arbeiten, um nicht nur für mich und meine Eltern, sondern auch für andere etwas erreichen zu können. Am liebsten würde ich Psychologie studieren. Mal schauen, ob ich die Universität wieder im Ausland besuche oder auf den Philippinen. Vielleicht arbeite ich später einmal in einer NGO. Als Psychologe weiß ich dann noch besser, wie ich mit Straßenkindern reden, einen Zugang zu ihnen finden und ihnen Chancen eröffnen kann.