Wenn Chefs ihre Mitarbeiterinnen loben, indem sie ihnen einen schönen neuen BH versprechen, läuft etwas schief in einer Gesellschaft. Doch in Bulgarien gelte das als ganz normal, sagt Stana Iliev. Die Tochter eines Bulgaren und einer Deutschen studierte im brandenburgischen Eberswalde Betriebswirtschaftslehre und arbeitete danach für das Rote Kreuz in Sofia. Parallel engagierte sie sich ehrenamtlich für die Rechte von Frauen. Seit drei Jahren konzentriert sie sich besonders auf das Thema häusliche Gewalt und arbeitet inzwischen für eine freie Stiftung, die sich für Frauenrechte einsetzt. Warum das in einem EU-Mitgliedsland bitter nötig ist, schildert sie im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Iliev, Sie haben am Weltfrauentag Männer in High Heels auf den größten Boulevard Sofias geschickt. Warum?

Stana Iliev: Das war unsere Aktion Walk a mile in her shoes. Wir wollten zeigen, in der Mitte der Stadt, dass Bulgarien ein Problem hat. Wir wollten Männer finden, die öffentlich gegen häusliche Gewalt eintreten und Solidarität mit den oft benachteiligten Frauen zeigen. Die Aktion hat viel Aufmerksamkeit gebracht.

ZEIT ONLINE: Warum ist das nötig? Bulgarien ist ein europäisches Land.

Iliev: Das ist richtig. Aber Bulgarien hat beispielsweise noch nicht einmal die Istanbuler Konvention unterschrieben, die die Regierungen unter anderem dazu verpflichtet, Telefon-Hotlines für Opfer häuslicher Gewalt einzurichten. Und niemand regt sich darüber auf, weil dieser Mangel zur Normalität gehört. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es illustriert, wie patriarchal die Gesellschaft hier noch immer strukturiert ist.

Ein anderer Punkt: Die dramatisch unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern bei gleicher Tätigkeit. Eine Lohnlücke gibt es in allen EU-Ländern. Aber überall ist sie während der vergangenen Jahre langsam kleiner geworden – außer in Bulgarien. Hier nimmt der Gehaltunterschied sogar noch zu!

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ZEIT ONLINE: Aber die Vorstellung, dass Frauen und Männer gleich sein sollten, ist schon ein akzeptierter Gedanke?

Iliev: Da gibt es unterschiedliche Antworten. Ein verbreiteter Mythos lautet, dass es bei uns längst Gleichberechtigung gebe, da Frauen ja überall gut repräsentiert seien. Häufig wird die Ansicht vertreten, Sexismus gebe es hier nicht. Das Wort wird im Alltag kaum gebraucht. Wenn doch, dann als Schimpfwort oder zur Belustigung über westliche Doppelstandards. Nur wenige Menschen verstehen, was Sexismus im Kern bedeutet.

ZEIT ONLINE: Und tatsächlich?

Iliev: Tatsächlich haben wir immer noch sehr rigide festgelegte Geschlechterrollen, die sich nur langsam verändern. Daraus entsteht natürlich Diskriminierung. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht schon sexistische Avancen am Arbeitsplatz erlebt hätte.

ZEIT ONLINE: Das nehmen die Frauen einfach hin?

Iliev: Leider ist das so. Sexistisches Verhalten gehört einfach dazu. Da versucht zum Beispiel der Chef, die Mitarbeiterin vor allen Kollegen zu loben, indem er anbietet, ihr einen schönen BH zu kaufen. Und keiner würde etwas dagegen sagen, weil so etwas in der Regel nicht als unprofessionelles Verhalten eingestuft wird.

Das Problem ist: Viele Menschen hier spüren zwar die Ungerechtigkeit hinter den ungleichen Geschlechterrollen. Aber sie würden nicht sagen, dass sie deshalb diskriminiert werden, nicht einmal die Männer. Ein Beispiel: Neulich saß ich während einer Diskussionsveranstaltung über geschlechtsuntypische Berufe mit einem Mann auf dem Podium, der als Krankenpfleger arbeitet. Nun gibt es im Bulgarischen gar kein Wort für einen männlichen Krankenpfleger, es gibt nur das Wort "Krankenschwester". Der Mann erzählte, dass er deshalb oft ausgelacht werde. Dann wurde er gefragt: Wurden Sie schon einmal diskriminiert? Er sagte: Nein.

Stana Iliev © privat

ZEIT ONLINE: Bulgarien wurde fast fünfzig Jahre lang kommunistisch regiert. Gleichheit war für die Kommunisten immer ein wichtiges Ziel. Warum hat sich die Gleichberechtigung trotzdem nicht durchgesetzt?

Iliev: Das war schon damals viel Propaganda und wenig Wirklichkeit. Allerdings habe ich das Gefühl, dass wir uns gerade noch weiter zurückentwickeln.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn gar keine feministische Tradition, auf die Sie sich berufen können?

Iliev: Kaum. Bulgarien hat nie eine feministische Bewegung erlebt, wie man sie etwa aus Westeuropa kennt. Wenn über Gleichberechtigung diskutiert wurde, waren das immer von außen herangetragene Debatten. Heute ist das wieder so.

Aus der bulgarischen Geschichte heraus ist das verständlich. Das Land steht nach 25 Jahren postkommunistischer Ära vor vielen Herausforderungen. Die europäische Integration bringt viele Erwartungen mit sich, und eine davon ist die Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber das ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht.