Frankreich, der teilnahmslose Dritte

Welches große Thema bewegt derzeit den französischen Finanzminister Michel Sapin? Will sich der Sozialist gegen seinen deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble stellen und den Griechen Unterstützung bieten? Will er seinem Land im historischen Streit mit Athen eine Stimme verleihen? Von wegen. Zwar veröffentlichte der konservative Figaro an diesem Mittwoch ein ausführliches Interview mit Sapin, doch das große Thema ist nicht Griechenland, sondern eine seit Jahren aufgeschobene Steuerreform, die es den französischen Bürgern in Zukunft erlauben soll, die Einkommenssteuer monatlich, und nicht wie bisher jährlich rückwirkend zu zahlen. Ein alter Ladenhüter.

Es scheint, als habe Frankreich mit der Führung Europas in diesen Tagen nichts mehr zu tun. Alles steuert auf einen High Noon zwischen Berlin und Athen zu. Unterdessen tourt Frankreichs Präsident François Hollande durch Luftfahrtschauen und nach Algerien. "Wir sind nicht weit von einer Lösung entfernt, aber wenn es keine Lösung gibt, kann es zur Krise kommen", banalisierte Hollande am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Algier die Griechenland-Frage. Als gäbe es derzeit weit wichtigere Krisen.

Nur nicht Deutschland verärgern

Das Desinteresse des französischen Spitzenpersonals ebenso wie der Medien an der Griechenland-Krise aber verdeckt eine tiefe Unsicherheit der Franzosen. Denn sie wissen nicht, auf welcher Seite sie stehen. 42 Milliarden Euro schuldet Griechenland ihren Finanzinstitutionen. Haben sie also etwas zu verlieren? Oder ist die liberale Sparpolitik, die Berlin Athen verordnen will, nicht auch ihr eigenes Grab? Über diesen unterschwellig mitspielenden Konflikt legen Politiker und Medien kaum ehrlich und differenziert Rechenschaft ab. Denn keiner will unnötig das Verhältnis zu Deutschland belasten. Aber noch weniger will man sich mit der deutschen Sparpolitik gemein machen.

An der öffentlichen Oberfläche wirkt das manchmal sogar souverän. Nirgendwo ist dümmliches Griechenland-Bashing zu vernehmen, Frankreich hat keine Bild. Doch viel schwerer wiegt, dass das Land sich aufgrund seiner Teilnahmslosigkeit in der Griechenland-Krise innerlich aus Europa verabschiedet. Es müsste Partei ergreifen, für beide Seiten, sich zerreißen. Stattdessen denkt es nur an die eigene Krise. 

Georg Blume