Wenn Fachleute über die Griechenland-Krise sprechen und dabei das Wort "Dynamik" verwenden, zeichnet sich Unheilvolles ab. Denn Griechenland ist, da sind sich selbst Wohlmeinende einig, nicht wirklich dynamisch. Wenn Karl Kopp also die Worte "Dynamik" und "Griechenland" in einem Satz verwendet, dann hat er nicht die Wirtschaftsentwicklung im Blick, sondern Boote voller Menschen, sehr viele Boote.

Der Europareferent der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl nennt eine schlichte Zahl, um die Dramatik zu verdeutlichen. Allein auf der griechischen Insel Lesbos seien im Januar knapp 740 Flüchtlinge gestrandet, im Mai bereits zehn Mal so viele: rund 7.200 Menschen. "Das ist eine unglaubliche Dynamik drin", sagt Kopp. In einer Nacht kämen teilweise 500, manchmal sogar 1.000 Flüchtlinge an. Nach den Hochrechnungen von Pro Asyl werden in diesem Jahr nicht mehr in Italien, sondern in Griechenland die meisten Bootsflüchtlinge nach Europa stranden.

"Griechenland hat jetzt schon nicht das Geld für minimale Standards. Wenn die staatlichen Strukturen zusammenbrechen, stehen wir vor einer Katastrophe", sagt Kopp. Die griechischen Behörden könnten schon jetzt die Migranten kaum noch unterbringen, ihnen etwas zu trinken und essen geben, sie medizinisch versorgen und aufs Festland bringen. "Wenn wir Griechenland jetzt alleinlassen, gefährden wir das Leben Tausender Schutzsuchender". Kopp befürchtet, dass die Menschen mitten in dem europäischen Land verhungern und verdursten.

Unruhe auf dem Balkan könnte sich verstärken

Die Berichte der Flüchtlingshelfer sind derzeit nicht mehr als ein Schlaglicht auf die Probleme, die auf Europa zukommen dürften, wenn Griechenland in ein paar Tagen den Euro aufgeben muss. Im Bundestag, in politischen Talkshows und Zeitungskommentaren geht es meist um Fragen wie: Schadet der Grexit der deutschen Wirtschaft? Oder: Fällt jetzt auch Italien? Dabei hängt am Grexit viel mehr als das wirtschaftliche Schicksal einiger Euroländer und Griechenlands, dem im Falle einer Staatspleite ein ökonomisches Chaos und eine neuerliche schwere Rezession droht. Der Showdown mit Griechenland macht die Regierungen anderer Länder nicht nur wegen des Euros nervös. Es zeichnen sich ganz augenscheinliche Folgen ebenso wie schleichende, beunruhigende politische Trends ab.

Europa droht an seinen Rändern zu zerfasern. In der Bundesregierung sorgt man sich laut einem Reuters-Bericht etwa, dass eine instabile Situation in Griechenland die Unruhe auf dem Balkan verstärkt. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland und dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien – in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz "Islamischer Staat" in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den muslimischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen.