Im hellen Büro von Vassilis Korkidis entfaltet sich ein Schreckensszenario. Der Präsident des Nationalen Handelsverbandes blickt von seinen Panoramafenstern aus dem sechsten Stock zwar direkt auf die Akropolis, auf die schönsten Seiten Griechenlands. Doch seine Worte können drastischer kaum sein: "Der Markt ist tot", sagt er. "Es bewegt sich nichts mehr. Und wenn die Banken auch nächste Woche geschlossen bleiben, dann bricht alles zusammen." 

Korkidis hat nicht viel Zeit an diesem hektischen Tag, an dem für viele Griechen die Hoffnung auf eine Einigung ihrer Regierung mit den Geldgebern wieder auflebt. "Wir können nur immer wieder darauf dringen, dass Ministerpräsident Tsipras einen Deal eingeht", sagt Korkidis. Deshalb hat er für den Nachmittag um ein Treffen mit dem Regierungschef gebeten, zusammen mit den wichtigsten Wortführern der griechischen Wirtschaft. Der Druck auf den Ministerpräsidenten hat auch im eigenen Land enorm zugenommen, die Unternehmer und ihre Branchenverbände sind in Panik. Auch das hat Tsipras wohl dazu bewegt, den Gläubigern ein neues Angebot zu unterbreiten. 

Korkidis schildert die konkrete Situation der griechischen Wirtschaft. "Der Binnenmarkt hat im Juni vergangenen Jahres ein Umsatzvolumen von 3,4 Milliarden Euro erzielt." Für dieses Jahr rechnet sein Verband mit einem Minus von 10 Prozent, wobei sich vor allem in diesen letzten Tagen des Monats ein schweres Ungleichgewicht abzeichnet: "Die Menschen geben ihr Geld fast ausschließlich für Lebensmittel und Brennstoffe aus", sagt Korkidis. Das mag diese Woche noch funktionieren. "Aber in der nächsten Woche sind die Vorräte aufgebraucht, Importe werden für Unternehmen immer schwieriger. Es wird ein Notstand ausbrechen." 

Tatsächlich hat sich nur äußerlich die Lage etwas beruhigt, die Schlangen vor den Bankautomaten sind kleiner geworden. Für die normalen Konsumenten ist immerhin täglich noch etwas Geld verfügbar an den Automaten. Für Unternehmen aber bedeuten die geschlossenen Banken de facto, dass sie nicht mehr agieren können. Viele Rechnungen müssen bar beglichen werden, weil Unternehmen sich nicht darauf verlassen können, an ihr Geld auf dem Konto zu gelangen. Zahlungsverkehr ins Ausland ist praktisch nicht mehr möglich. Der Wertpapierhandel ist ohnehin ausgesetzt. Auch bei der Auszahlung von Gehältern gibt es zum Monatsende mehr und mehr Probleme. 

An einem langen Holztisch in einem anderen Athener Bürogebäude sitzt einer der hochrangigsten Banker Griechenlands, dessen Name hier nicht genannt werden darf. Er wirkt vollkommen aufgelöst. Seine Krawatte sitzt schief, das Hemd ist nur notdürftig in die Hose gesteckt. "Ich bin wirklich überrascht, dass alles so ruhig abläuft und wir noch keinen Toten vor den Bankautomaten haben", sagt er mit vollem Ernst. Es sei den Menschen hoch anzurechnen, mit welcher Ruhe sie die Situation hinnähmen. "Die letzten Wochen hatten wir einen Bankwalk, gestern und vorgestern einen echten Bankrun und jetzt noch immer einen Bankmarathon", sagt er.

Wie sollte eine neue Währung überhaupt verteilt werden?

Auch dieser Vertreter der griechischen Wirtschaft fleht geradezu um einen sofortigen Deal mit den Geldgebern. Wenn es keine Einigung gebe, dann würden die Banken nicht nur nächste Woche geschlossen bleiben, sondern auf unabsehbare Zeit, sagt er. "Es müssen dann mehrere Institute abgewickelt werden, so dass am Ende vielleicht zwei, drei Banken übrig bleiben." Liquidität sei schlicht kaum mehr vorhanden. Sollte die Europäische Zentralbank ihre Notkredite ganz einstellen, sei das griechische Bankensystem am Ende. 

Über die Umstellung auf eine andere Währung mag er erst gar nicht nachdenken, das bringe ganz praktische Probleme mit sich. Dass die Regierung dazu bereits Überlegungen anstelle, möge ja sein. "Aber Geldnoten quasi über Nacht nicht nur zu drucken, sondern auch sicher im Land zu verteilen, ist eine eigentlich unlösbare Aufgabe", sagt er. Wer sollte diese Geldtransporte bewachen? "Welcher Polizist riskiert sein Leben, wenn er nicht einmal ein Gehalt bekommt?" 

Es geht jetzt um ganz grundsätzliche Fragen in Griechenland. Und die meisten Menschen hoffen, dass sie die Antworten darauf nächste Woche nicht am eigenen Leibe erfahren müssen.