Es ist der 23. April 1998, als im Bundestag die Chefs ans Rednerpult treten. Dieser Tag ist zu wichtig für die Hinterbänkler. Männer wie Theo Waigel, Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble führen die Debatte. Hans-Dietrich Genscher hält an diesem Tag seine letzte Rede im Bundestag, natürlich im gelben Pullunder.

Eine ganze Politikergeneration steigt für ein "Jahrhundertereignis" in den Ring, wie Kohl es nennt: Der Euro soll die D-Mark ablösen. Der Bundestag debattiert ganze sieben Stunden, dann steht die überraschend hohe Zustimmung zur neuen Währung. 

In diesen Frühlingstagen des Jahres 1998 zweifeln immer noch viele Deutsche an der Stabilität der neuen Währung, wollen sich ungern von der Mark trennen. Deshalb gibt die Regierung eine Reihe von Versprechen ab. Mit diesen Zusicherungen im Hinterkopf wagen sich die Deutschen an den Euro. Und diese Zusicherungen erklären auch, weshalb die Deutschen so enttäuscht von einem Land wie Griechenland sind. Warum der Frust über die Regierung in Athen gerade hier so gewaltig ist. Ein neuer Blick auf diese historische Debatte und ihre zentralen Aussagen (die man hier nachlesen kann) erklärt einen Teil der Missverständnisse zwischen den Deutschen und Griechen.

1) "Der Euro stärkt die Europäische Union als Garanten für Frieden und Freiheit. Er bringt die Teilnehmerstaaten noch enger zusammen." (Helmut Kohl in der Bundestagsdebatte am 23. April 1998)

Die Generation um Helmut Kohl hat noch den Krieg oder zumindest die bleiernen Jahre danach erlebt. Der Euro ist für sie nicht nur ein Vehikel, um dem exportstarken Deutschland Absatzmärkte ohne Währungsrisiken zu verschaffen. Europa soll so auch zu einem möglichst einheitlichen politischen Gebilde geformt werden – auch um international gegen die USA und Asien bestehen zu können, wie die Regierung in der Debatte mehrfach betont.

Und ist das eingetreten? Im Jahr 2015 stehen sich Deutschland und Griechenland stellvertretend für zwei Denkweisen gegenüber. Die Nordstaaten werfen Griechenland vor, trotz der dramatischen Finanzlage nicht genügend zu sparen und das Land nicht ausreichend zu reformieren. Griechenland hat dagegen das Gefühl, dass die Deutschen mit ihrem Sparwahn ein Überleben unmöglich machen. Die Stimmung ist bisweilen feindselig. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras warf Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf vor, für einen "sozialen Holocaust" zu sorgen. Finanzminister Wolfgang Schäuble nannte Tsipras öffentlich einen "Träumer".

"Das Miteinander hat sich, anders als erwartet, überhaupt nicht eingestellt. Aus Kooperation hat sich eine heftige Konfrontation entwickelt", sagt der Polit-Ökonom Heribert Dieter, der an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen lehrt. Zur Zeit der Bundestagsdebatte, Ende der 90er Jahre, hätten einige Beobachter vor solchen politischen Spannungen gewarnt. "Doch das wurde in jenen Tagen nicht ernstgenommen. Man ging davon aus, dass die Vorteile so groß werden, dass Spannungen überwunden werden."

2) "Die Bundesregierung hat mit ihrem konsequenten Eintreten erreicht, daß die Stabilitätskriterien des Vertrags von Maastricht strikt eingehalten werden. (...) Es sind Prozesse eingetreten, die eine Annäherung im Denken und im Handeln zeigen, für die wir eigentlich nur dankbar sein können." (Helmut Kohl in der Bundestagsdebatte am 23. April 1998)

Mit solchen Aussagen versprach die Kohl-Regierung eine Haushaltskultur nach deutschem Vorbild in anderen Euro-Ländern. Im Blick hatte man damals eher Staaten wie Italien (Griechenland trat 2001 ein). Allerdings scherte sich auch Deutschland nicht im Detail um den Maastricht-Vertrag, der nur eine bestimmte laufende und dauerhafte Verschuldung vorschreibt. Deutschland und Frankreich verstießen mehrfach gegen den Vertrag und wurden dafür nicht bestraft – ein fatales Signal. "Wenn der Vater und die Mutter der Eurozone die Regeln verletzen, kann man natürlich nicht erwarten, dass sich Griechenland daran hält", so die Kritik des früheren italienischen Regierungschefs Mario Monti.