Es ist eine Weltpremiere. Griechenland wird an diesem Dienstag seine ausstehende Kreditrate an den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht zahlen. Das hat der griechische Premier Alexis Tsipras am Montagabend im griechischen Fernsehen erklärt, sein Finanzminister Yanis Varoufakis bestätigte es am Dienstag. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble weiß es bereits.

Diesmal ist es nicht Simbabwe oder ein anderes Entwicklungsland. Zum ersten Mal verpasst eine Industrienation die Zahlung an den IWF. Und Griechenland ist mit Abstand der größte Schuldner des IWF, kein anderes Land hat so viele Kredite in Anspruch genommen. Es ist ein Teufelskreis: Athen erhält vom IWF-Geld. Das aber wird zu einem großen Teil genutzt, um wiederum andere, alte Kredite abzuzahlen. Allein bis Ende dieses Jahres muss Athen insgesamt 5,5 Milliarden Euro an den IWF zahlen – davon eben die oft zitierten 1,6 Milliarden Euro bis zum Dienstagabend.

Was passiert, wenn Athen nicht überweist? Das löst eine Kaskade aus auf beiden Seiten des Atlantiks.

Washington: Für die IWF-Zahlung läuft die Frist am Dienstagabend, 18 Uhr Washingtoner Zeit ab. Für den Fall, dass das Geld bis dahin nicht eintrifft, gibt es einen detaillierten Ablaufplan. Die oft zitierte Gnadenfrist von vier Wochen findet sich darin nicht. IWF-Chefin Christine Lagarde muss ihr Direktorium darüber informieren, dass eine Zahlung nicht eingegangen ist. Das Gremium stellt dann offiziell fest, dass das Land sich in arrears befindet, also im Zahlungsrückstand.

Erst am Montag hatte IWF-Chefin Christine Lagarde erneut in einem CNBC-Interview betont, dass sie ihr Direktorium "sehr sehr schnell" informieren werde. Griechenland erhält dann erst mal keine weiteren Finanzhilfen mehr. Die ausstehenden 19 Milliarden Euro aus dem noch bis 2016 laufenden Programm werden eingefroren. Und es beginnt ein mühsamer und zäher Prozess von Verhandlungen über Rückzahlungen, Schuldenumstrukturierungen und Reformen im Gegenzug. Erweist sich das Land als nicht kooperativ, kann Griechenland letztlich aus dem IWF ausgeschlossen werden.

Luxemburg: Es mag nach technischen Details klingen, aber all das hat direkte Folgen für die Finanzhilfen, die Europa Griechenland gewährt hat. Denn wenn der IWF loslegt, dann muss auch der europäische Rettungsfonds EFSF/ESM den Zahlungsausfall feststellen. Er ist zurzeit der größte Gläubiger Griechenlands – rund 131 Milliarden Euro schuldet Athen dem Rettungsfonds in Luxemburg. Nach seinen Statuten hat der Fonds verschiedene Handlungsoptionen: Entweder verlangt er von Griechenland die sofortige Rückzahlung der Gelder. Oder er wählt den diplomatischen Weg und setzt ein Schreiben auf, das ihn rechtlich davor schützt, die finanziellen Ansprüche zu verlieren, das aber einmal mehr Aufschub gewährt.

Frankfurt am Main: Nachdem IWF und EFSF/ESM den Zahlungsausfall festgestellt haben, muss die Europäische Zentralbank (EZB) tätig werden. Die EZB ist derzeit Griechenlands einzig verbliebene Lebensader. Sie gewährt dem griechischen Bankensektor die sogenannten ELA-Nothilfen, inzwischen in einer Höhe von rund 90 Milliarden Euro. Ohne ELA wären die griechischen Banken bereits zahlungsunfähig. EZB-Präsident Mario Draghi muss nun entscheiden, wie er mit der vertrackten Lage umgeht. Am Sonntag wurden die Hilfen von der EZB bereits gedeckelt. Die Folge: Griechenland musste Kapitalverkehrskontrollen einführen. Maximal 60 Euro dürfen pro Tag abgehoben werden.

Draghi hat, vereinfacht gesagt, zwei Optionen. Er könnte weiter ELA-Hilfen gewähren. Eigentlich dürfte er das nicht, schließlich handelt sich die EZB damit den Vorwurf ein, Staatsfinanzierung zu betreiben. Das ist ihr in den Statuten ausdrücklich verboten. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass die EZB nur wenige Tage vor dem Referendum in Griechenland den Stecker zieht? Der politische wie ökonomische Schaden wäre enorm.

Wenn die EZB die ELA-Hilfen trotzdem zusammenstreicht oder verlangt, dass griechische Banken noch mehr Sicherheiten hinterlegen müssen, wäre die schnell pleite. Die vier größten Institute (die griechische Nationalbank, die Piraeusbank, Eurobank und Alphabank) gelten im Finanzjargon als systemrelevant und stehen unter der Aufsicht der neuen europäischen Bankenaufsicht. Schon jetzt gibt es Gerüchte, laut denen vielleicht ein Institut dem Kapitalabfluss nicht standhalten kann.

Und genau das ist der Punkt, an dem eine mögliche Parallelwährung ins Spiel kommt. Die griechische Notenbank könnte dann Schuldscheine oder eine neue Währung ausgeben. Die neue Drachme wäre vielleicht gerade einmal halb so viel Wert wie ein Euro. Die schwache Währung könnte die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft erheblich verbessern. Ob das allerdings kurzfristig gelingt, wenn die Wirtschaft sowieso gerade in der Rezession ist und das Land in der tiefsten politischen Krise steckt? Kaum abzuschätzen.

Aber wird es tatsächlich so kommen? EZB-Direktor Benoît Cœuré hat in einem Interview mit der französischen Zeitung Les Échos zwar gesagt, dass der Grexit (der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro) nun kein theoretischer Fall mehr sei. Er ergänzte aber auch: Falls die Griechen am Sonntag mit Ja stimmten, "habe ich keinen Zweifel, dass die Autoritäten der Eurozone in der einen oder anderen Form die Mittel finden werden, um ihre Zusagen zu halten".