Je länger das sogenannte Endspiel um Griechenland dauert, desto absurder wird es. Da sitzen also gestern Abend in Luxemburg der Präsident der Eurogruppe, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), der zuständige EU-Kommissar und der Chef des Eurorettungsfonds mit ernsten Mienen nebeneinander und verkünden, dass es zu wenig Fortschritte gebe. Dass die griechische Regierung die Gespräche blockiere. Dass die Zeit auslaufe. Dass man aber noch immer eine Lösung finden könne. Mit anderen Worten, sie sagen dasselbe, was sie seit Wochen sagen.

Anschließend tritt der griechische Finanzminister auf, ein paar lose Zettel vor sich, und referiert: über das Leid des griechischen Volkes, den guten Willen seiner Regierung und die Sorgen der Europartner, die er selbstverständlich verstehe. Mit anderen Worten, er sagt dasselbe, was er seit Wochen sagt. Dann zaubert er mit großer Geste zwei neue Kaninchen aus dem Hut, "radikale, nie gesehene Vorschläge", die, wenn sie nur umgesetzt würden, die griechische Wirtschaft endlich durchstarten lassen und sein Land von allen Sorgen befreien würden. So verspricht es Yanis Varoufakis. Es sind absurde Vorschläge, Mätzchen oder bestenfalls Ablenkungsmanöver. Später, als er gefragt wird, ob es nicht höchste Zeit wird, Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland einzuführen, erzählt Varoufakis einen Witz: Treffen sich zwei Männer auf einem Golfplatz … 

Es ist vor allem dieser Kontrast zwischen der dramatischen Lage, in der sich viele Griechen tatsächlich befinden, und dem anhaltenden Unernst, mit dem Varoufakis auch jetzt noch auftritt, der ihn und seine Regierung disqualifiziert. Ein griechischer Journalist, der den Auftritt des Ministers in Luxemburg verfolgt, formuliert es drastischer: Varoufakis sei "verrückt geworden".

Das Ringen zwischen der Regierung in Athen und den internationalen Geldgebern ist oft als Pokerspiel beschrieben worden, bei dem die Griechen sicher sein könnten, dass sie den letzten Stich machen würden. Doch das Bild ist falsch. Denn was können Alexis Tsipras und seine Partei Syriza überhaupt noch gewinnen – selbst wenn sie einen letzten Stich machen? Die wirtschaftliche Lage im Land hat sich seit der Wahl im Januar dramatisch verschlechtert; das Vertrauen ist für lange Zeit zerstört; der befürchtete bank run hat längst begonnen und dürfte sich fortsetzen. So groß können die Zugeständnisse der Geldgeber gar nicht mehr werden, dass sie diesen Schaden aufwiegen würden. Während sie pokern, zerstören Tsipras & Co. die Grundlage ihrer künftigen Politik.

Mag sein, dass die Geldgeber (Angela Merkel!) genau damit kalkulieren: dass die Temperatur in Athen noch ein bisschen steigen muss, bevor man eine Lösung findet. Ohnehin könnte man nüchtern feststellen, dass das Treffen der Euro-Finanzminister genauso ausgegangen ist, wie man es erwartet hatte – ohne Ergebnis halt. Aber das hieße, die psychologische Dynamik zu unterschätzen, die sich jetzt entwickelt. Mit jedem Gesprächsversuch, der scheitert, geht weit mehr verloren als nur kostbare Zeit.

Es sei dringend notwendig, schnappte IWF-Chefin Christine Lagarde nach der gestrigen Sitzung, zu einem Dialog zurückzukehren, "mit Erwachsenen im Raum". Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem ergänzte: "Wir brauchen Politiker (in Athen), die bereit sind, ihrem Volk die Wahrheit zu sagen." Der Konter von Yanis Varoufakis ließ nicht auf sich warten. Keiner der anderen 18 Finanzminister habe zu seinen neuesten Vorschlägen auch nur ein Wort verloren, berichtete er; dies zeige "die mangelnde Substanz der Diskussionen in der Eurogruppe". Viele solche Auseinandersetzungen können sich die Europartner nicht mehr erlauben.

Am Montagabend werden sich die Regierungschefs der Euroländer treffen; bis dahin läuft unausgesprochen eine letzte Frist. Bislang galt in der EU der Grundsatz: Nur wenn alle Beteiligten ihr Gesicht wahren, kann eine Einigung gefunden werden. Vielleicht macht die Union in diesen Tagen eine neue Erfahrung.