Schon wieder nichts! Alle haben am Montag gebannt nach Brüssel geschaut: Tag der Entscheidung in der Griechenland-Krise, schrieb auch ZEIT ONLINE. Aber nur wenige Stunden später war klar: Da kommt nichts. Der neue Tag der Entscheidung ist jetzt Mittwoch (dann treffen sich die Finanzminister) oder doch erst Donnerstag (dann kommen die Staats- und Regierungschefs erneut zusammen).

Seit Monaten geht das nun schon so: Europa hetzt von Gipfel zu Gipfel – scheinbar ohne wirkliche Fortschritte im Kampf gegen die Krise zu erzielen. Die EU-Kommission hat dafür auch schon einen Namen erfunden: Paperology. Es werden immer wieder neue Reformlisten von Athen nach Brüssel und zurück geschickt.

Und jedes Mal sagt am Ende Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: "Ich sehe keine Fortschritte." Und jedes Mal warnt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die Griechen, dass ihnen nur wenig Zeit bleibe, endlich die richtigen Reformpapiere nach Brüssel zu schicken. Am Montag gab es erste verhaltene Zuversicht. Aber noch sei nicht sicher, ob die Vorschläge der Griechen ausreichen werden, sagte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Es müsse jetzt "unglaublich konzentriert gearbeitet werden", sagte Kanzlerin Angela Merkel am späten Abend.

Eine Posse, die allerdings Katastrophales anrichtet: Die griechische Wirtschaft ist wahrscheinlich wieder in eine Rezession abgerutscht, Löhne, Gehälter und Renten können Ende des Monats nicht vollständig ausgezahlt werden, die Steuereinnahmen brechen weg. Die Europäische Zentralbank hält die griechischen Banken mit Notkrediten am Leben – über die mittlerweile im 24-Stunden-Takt neu entschieden wird.

Auch die Währungsgemeinschaft als Ganzes verliert ihre Glaubwürdigkeit. Wer soll Zutrauen in ein zusammenwachsendes Europa haben, wenn ihm ein solches Schauspiel geboten wird? Seit mehr als fünf Jahren wird versucht, ein Land zu sanieren, das weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Eurozone ausmacht und dessen Wirtschaftskraft irgendwo zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz liegt.

Statt Vernunft walten zu lassen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, wird seit Wochen wieder einmal nur Schwarzer Peter gespielt: Da ist auf der einen Seite die teils hanebüchen agierende griechische Regierung unter Alexis Tsipras – der fünften seit Ausbruch der Krise 2010. Tsipras wünschte sich eine andere Rettungspolitik für sein Land, deshalb wurde er von den Griechen gewählt.

Nur hat er seinen Wählern viel zu viel versprochen. Vielleicht war seine Strategie auch deshalb von Anfang an auf größtmögliche Konfrontation ausgelegt. Jetzt muss er den Griechen und vor allem seiner Partei Syriza erklären, warum es wahrscheinlich doch alles ganz anders kommt. Denn ein möglicher Kompromiss sieht, neben einer Anhebung der Mehrwertsteuer, weitere Steuererhöhungen für Unternehmen und private Haushalte vor. Von echten Wirtschaftsreformen und Maßnahmen zur Verbesserung der Steuererhebung war zumindest am Montag allenfalls am Rande die Rede.

Und da ist auf der anderen Seite die restliche Eurozone und der Internationale Währungsfonds, die nicht wirklich einsehen wollen, dass ihre Rettungsstrategie Griechenland ökonomisch und sozial sehr geschadet hat. Das ist mitnichten ein Urteil, das man schlicht als linke Spinnerei abtun kann. Deutschland beharre "gegen jede ökonomische Vernunft" auf einem strikten Sparkurs in Griechenland, sagt beispielsweise die neue Chefredakteurin des wirtschaftsliberalen Economist, Zanny Minton Beddoes.

Der geneigte Griechenland-Kritiker möge sich einmal vorstellen, was in Deutschland los wäre, und welche Parteien gewählt würden, wenn die Löhne binnen wenigen Jahren um 30 Prozent und das Bruttoinlandsprodukt um 27 Prozent eingebrochen wären (siehe Grafik). Jeder vierte Erwerbsfähige in Griechenland ist arbeitslos. Wie soll das Rentensystem funktionieren, wenn quasi niemand mehr einzahlt?

Griechenland ist nicht Irland und auch nicht Spanien. Ein abstruser Vergleich, den die Kanzlerin so gern zieht, um ihre Rettungsstrategie zu verteidigen: Hat es nicht geklappt bei den Iren, bei den Spaniern? Die Probleme in Griechenland aber sind viel existenzieller, in Teilen glich Griechenland einem failed state, einem gescheiterten Staat. Griechenland hätte nie in die Eurozone aufgenommen werden dürfen und alle Beteiligten hätten das 2001 wissen müssen.

Aber was folgt daraus? Die Krise in Griechenland ist viel zu vertrackt, um sie in ein simples Schema von Gut und Böse zu quetschen. Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern nur ganz viel Grau. Europa scheint jedoch nicht in der Lage, dieses Grau aufzulösen und einen auf Dauer tragfähigen Kompromiss zu finden. Auch wenn in dieser Woche ein Grexit in letzter Sekunde verhindert wird und die Tsipras-Regierung letztlich klein beigibt: Die Übereinkunft wird die Krise nicht lösen, denn Griechenland braucht unter den derzeitigen Bedingungen wohl noch ein drittes Rettungspaket. Was sich derzeit in Europa abspielt, ist erbärmlich.