Es gibt Ereignisse, die historisch unvermeidbar sind. Sie ergeben sich aus dem Lauf der Geschichte, deren Logik sich gegen alle Widerstände entfaltet. Nichts an den Ereignissen der vergangenen Tage ist unvermeidbar. Der drohende Grexit ist das Ergebnis eines politischen Versagens von historischer Dimension. Es handelt sich um ein Versagen auf allen Seiten, auch wenn viele den Schurken bereits ausgemacht haben.

Nein: Das letzte Angebot der Geldgeber hätte keines der Probleme Griechenlands gelöst. Aber es hätte Zeit gekauft, um in den Sommermonaten in aller Ruhe ein drittens Programm auszuhandeln, dass dazu geeignet gewesen wäre, die Probleme zu lösen. Es nach monatelangen Verhandlungen nicht anzunehmen, ist ein Akt der politischen Torheit auf griechischer Seite.

Diese Krise ist auch Merkels Krise

Nein: Griechenland hat wichtige Reformen nicht angepackt. Aber nicht Syriza hat in den vergangenen Jahren regiert. Und wer innerhalb weniger Jahre ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung verliert, der hat auch nicht mehr die Kraft für Reformen. Deshalb ist diese Krise auch Angela Merkels Krise. Sie hat das Land zu Beginn der Krise mit Sparauflagen überzogen, die jede wirtschaftliche Dynamik erstickt haben. Danach hat Merkel erst viel zu spät und zu zaghaft umgesteuert.

"Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", hatte sie vor einigen Tagen gesagt. Genau an diesem Willen fehlte es ihr. Merkel hätte den Griechen einen Schuldenschnitt versprechen können. Sie wusste, dass das für Tsipras innenpolitisch extrem wichtig ist und das Geld ist ohnehin verloren. Sie hat es nicht getan – auch weil sie Angst vor den Grexit-Befürwortern in ihrer eigenen Partei hat.

Tsipras hat seine Macht in der EU falsch eingeschätzt

Tsipras wiederum hätte wissen müssen, dass er sich an Regeln halten muss, wenn er frisches Geld haben will. Er hat es nicht getan, weil er seine Machtposition in der EU völlig falsch eingeschätzt hat. Dass der griechische Regierungschef immer noch glaubt, das Referendum würde seine Verhandlungsposition stärken, deutet darauf hin, dass das immer noch der Fall ist.

So haben politische Feigheit, Ideologie und Inkompetenz Europa an den Rand des Abgrunds gebracht. Denn man mache sich nichts vor: Der Austritt eines Landes aus der Währungsunion wird nicht ohne Folgen bleiben. Die unmittelbaren finanziellen Folgen mögen gering sein: Die Banken im Rest Europas haben in Griechenland kaum mehr Geld im Spiel und weil die Hilfskredite ohnehin erst ab 2020 zurückbezahlt worden wären, drohen im Bundeshaushalt aktuell keine Abschreibungen. Wahrscheinlich ist nicht einmal die schwarze Null in Gefahr.

Doch eine Währungsunion mit Exit-Option droht über kurz oder lang das Schicksal aller Währungsunionen in der Geschichte der Menschheit: Sie wird sich auflösen. Und das wird auch das europäische Projekt insgesamt beschädigen. Die Vorstellung jedenfalls, dass die Menschen in Europa nach dem griechischen Schlamassel sich plötzlich wieder für Europa begeistern und neuen Integrationsschritten zustimmen, ist Träumerei.

Was also ist zu tun?

Zunächst einmal geht es um Schadensbegrenzung. Der freie Kapitalverkehr muss sofort eingeschränkt werden, sonst räumen noch mehr Griechen ihre Konten und schaffen das Geld ins Ausland. Das geht über Kapitalverkehrskontrollen oder durch eine vorübergehende Schließung der Banken. Diese könnten die europäischen Aufsichtsbehörden anordnen.

Dann kann das Referendum stattfinden. Wenn sich die Griechen gegen den Vorschlag der Gläubiger entscheiden, dann war es das. Dann darf die Europäische Zentralbank kein Geld mehr auszahlen und dann werden die Griechen ihre eigene Währung einführen. Vielleicht werden sie damit glücklich, doch wahrscheinlich ist ein schwacher Staat wie der griechische damit überfordert.

Wenn die Griechen für neue Sparmaßnahmen stimmen, müssen sofort Verhandlungen über ein nächstes Hilfsprogramm beginnen. Die aktuelle Regierung in Athen hätte wohl kein Mandat für solche Verhandlungen. Tsipras müsste mindestens den Koalitionspartner wechseln, und womöglich auch persönliche Konsequenzen ziehen.

An diesem Wochenende hat der Grexit begonnen. Noch ist er abzuwenden. Aber nicht mehr lange.