Noch nie stand ein Land der Eurozone so nah am finanziellen Abgrund und vielleicht gar vor dem Austritt aus der Gemeinschaft. Der Staat ist pleite, würde man salopp sagen. Die Eurogruppe hat eine Verlängerung des Hilfsprogramms abgelehnt. An den griechischen Banken bilden sich Menschenschlangen vor den Geldautomaten. Mehrere Hundert Millionen Euro sollen sie allein am Samstag abgehoben haben – und das ist nach EU-Quellen noch konservativ geschätzt. Nicht alle Geldautomaten seien danach wieder aufgefüllt worden, so formuliert es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorsichtig.

Für die Banken ist die Lage gefährlich, schließlich verlieren sie Einlagen und müssen am Ende rekapitalisiert werden – vom Staat. Der aber hat dafür kein Geld mehr. Ein sogenannter Bankrun verunsichert außerdem Investoren: ein Land mit unsicheren Banken und in einer tiefen politischen Krise verschreckt Anleger und Unternehmen.

Was aber kann die Eurozone nach der weitreichenden Entscheidung tun? Die 18 Finanzminister – also mit Ausnahme des griechischen Vertreters Yanis Varoufakis – setzen zuerst einmal auf die Macht des Wortes. In einem Abschlussstatement betonen sie, "alle vorhandenen Instrumente zu nutzen, um die Integrität und Stabilität des Eurogebiets zu wahren". 

Griechenland ist ein extremer Sonderfall

In der Stellungnahme heißt es, dass die Eurozone viel gestärkter dastehe als noch vor der Finanzkrise (gemeint ist die Weltfinanzkrise nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers und die Eurokrise 2011/2012): Man habe zwei Euro-Rettungsfonds EFSF und ESM aufgelegt. Die Eurozonen-Länder hätten Schulden abgebaut und ehrgeizige Strukturreformen durchgeführt. Zudem gebe es jetzt "efficient firewalls" im Finanzsektor, also Schutzwälle, die einen finanziellen Flächenbrand verhinderten. 

Das Statement spiegelt die Sorge wieder, dass zum Beispiel Investoren außerhalb Europas nicht verstehen, dass Griechenland ein extremer Sonderfall ist und eben nicht die gesamte Eurozone in finanzielle Schieflage geraten ist. Schäuble, aber auch sein französischer Amtskollege Michel Sapin betonen, die Einheit der Eurozone bewahren zu wollen. "Griechenland bleibt weiterhin Mitglied der Eurozone", sagt Finanzminister Schäuble.

Ein Ausstieg aus der Eurozone ist vertraglich nicht möglich

Allerdings weisen Juristen und andere Fachleute darauf hin, dass die Entscheidung Griechenlands über den Verbleib im Euro ausschließlich in Athen getroffen werden kann. Ein Ausstieg aus der Eurozone ist vertraglich nicht geregelt. "Das sind alles Prozesse, die nicht in Gesetze geschrieben sind", sagt Schäuble. Weder können eine EU-Institution oder die EZB das Land aus dem Euro schmeißen. In diesem juristischen Neuland steht nur fest: Die Entscheidung liegt bei der griechische Regierung. Wie Griechenlands Zukunft im Euro konkret funktionieren soll, wenn der Staat pleite ist und kein Geld mehr von der Europäischen Zentralbank erhält, lässt Schäuble offen.

So kommt einmal mehr die EZB ins Spiel. Sie sorgt seit Monaten dafür, dass mit sogenannten ELA-Nothilfen die griechischen Banken liquide sind. Der EZB-Rat schaltet sich heute zu einer Sonder-Telefonkonferenz zusammen und wird entscheiden, ob er weitere ELA-Notkredite gewährt und was er noch tun kann. Vielleicht kommt am Ende sogar ein Statement heraus, das an das legendäre "whatever it takes" erinnert: Im Juli 2012 hatte Draghi mit diesen Worten betont, alles zu tun, um den Euro zu retten – und damit die Märkte beruhigt. In die Karten schauen lässt sich EZB-Präsident Draghi nicht. In der Eurogruppen-Sitzung am Samstag wollte er sich zu zukünftigen Maßnahmen der EZB und einem Plan B nicht äußern.

Bankenfeiertag am Montag möglich

Um noch mehr Kapitalabfluss zu verhindern, könnten auch sogenannte Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden. Das kann etwa ein Bankenfeiertag am Montag sein. Oder es gibt Obergrenzen für Abhebungen an Geldautomaten oder ein Verbot von Überweisungen ins Ausland. Für die Eurozone ist das eine vertrackte Situation. Kapitalverkehrskontrollen kann nicht die EZB, sondern nur die griechische Regierung verhängen. Finanzminister Yanis Varoufakis sagte unterdessen in einem Interview mit der BBC, Griechenland erwäge die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen sowie eine Schließung der Banken am Montag. Ob Daniele Nouy, Chefin der neuen Bankenaufsicht der EZB, sich in der Griechenland-Frage einschaltet, ist offen.

Keine Frage: Am Montag wird eine Woche voller Turbulenzen beginnen: Zuerst der mögliche Bankenfeiertag in Griechenland. Am Dienstag, dem 30. Juni, wird sich um Mitternacht Washingtoner Zeit herausstellen, ob Griechenland an den Internationalen Währungsfonds die fällige Rate von 1,6 Milliarden zurückzahlen konnte. Das muss es mit eigenen Finanzmitteln schaffen, Geld von den Gläubigern gibt es dafür nicht mehr.

Größter Gläubiger entscheidet, ob Kulanz möglich ist

Überweist Griechenland nicht an den IWF, dann startet sofort eine Reaktionskette. Denn wenn der IWF den Zahlungsausfall erklärt, dann muss das auch der europäische Rettungsfonds EFSF/ESM tun. Er ist mit rund 131 Milliarden Euro der größte Gläubiger Griechenlands. Dessen Direktorium wird dann entscheiden, ob es auf volle Konfrontation geht und prompt die vollständige Rückzahlung der Kredite verlangt - oder kulant bleibt und Aufschub gewährt.

Und was passiert am nächsten Sonntag? Dann soll das griechische Volk in einem Referendum über das Spar- und Reformpaket der Institutionen abstimmen. Bislang steht allerdings nicht fest, welche genaue Frage Tsipras den Griechen eigentlich vorlegen will. Eine völlig absurde Situation würde eintreten, wenn die Griechen das Sparpaket mehrheitlich wollen. Die Syriza-Regierung hatte am Samstag empfohlen, es abzulehnen.

Ein mögliches Szenario wäre, dass es in diesem Fall zu Neuwahlen käme. Eine neue Regierung in Athen könnte sich dann mit den Institutionen zusammensetzen und ein drittes Reformpaket verhandeln, um im Gegenzug weitere Milliarden zu erhalten. Denn der nächste Stichtag ist schon in Sicht: Am 20. Juli muss Athen 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückzahlen.