Was auch immer in den nächsten Stunden und Tagen noch geschieht, in Athen, Brüssel oder Berlin, dieser 27. Juni 2015 wird die Europäische Union verändern. Die Entscheidung der Eurogruppe, das laufende Hilfsprogramm für Griechenland nicht noch einmal zu verlängern, weist weit über den Tag hinaus. Sie bringt das Land dem Ausscheiden aus der gemeinsamen Währung, dem viel beschworenen Grexit, einen großen Schritt näher. Vorbei ist damit die Zeit, in der die Geschichte der EU nur eine Richtung kannte: hin zu mehr Integration.

Getroffen wurde die heutige Entscheidung von 18 Finanzministern gegen einen. Nach dem Beschluss tagte die Eurogruppe ohne den griechischen Kollegen weiter – ein beispielloser Vorgang. Zerstoben ist damit die Hoffnung, die Union könnte auch in dieser Frage einen Kompromiss finden, bei dem alle Beteiligten das Gesicht wahren können. Die gute alte Regel, wonach es am Brüsseler Verhandlungstisch keine Verlierer geben darf, ist gebrochen. Was nun folgt, ist ein hässliches Spiel um Schuld und Verantwortung. Aus Partnern sind Kontrahenten geworden. Und wer den Beteiligten heute in Brüssel zugehört hat, dem Präsidenten der Eurogruppe und dem griechischen Finanzminister, der ahnt die Sprengkraft dieses blame game.

Vor allem ist dieser Tag ein dramatischer Moment für die vielen Millionen Griechen, die gehofft hatten, dass diese Regierung ihnen einen Weg aus dem wirtschaftlichen, politischen und in vielen Fällen auch sozialen Elend der vergangenen Jahre aufzeigen könnte. Tatsächlich haben Alexis Tsipras, der junge und überforderte Premierminister, und sein verantwortungsloser Finanzminister Yanis Varoufakis ihr Land noch weiter in den Abgrund geführt. Die Schlangen, die sich vor den Bankautomaten in Athen gebildet haben, deuten darauf hin, dass vielen Griechen erst jetzt bewusst wird, wie dramatisch ihre Situation in Wahrheit ist. Zugleich sind die griechischen Wähler die einzigen, die die Tragödie, die sich nun abzeichnet, noch aufhalten können – wenn sie bei dem geplanten Referendum für den Verbleib ihres Landes im Euro und gegen die eigene Regierung stimmen.

Es geht nicht um den Bestand des Euro

Bei aller Dramatik ist es wichtig festzuhalten, worum es nicht geht in diesen Tagen. Es geht nicht um die Frage, ob die Europäische Union die demokratische Entscheidung eines Volkes respektiert. Das haben die Europartner getan. Seit Syriza Ende Januar an die Macht kam (zusammen mit den Rechtsaußen der Unabhängigen Griechen) , haben die 18 anderen Euroländer mit der Regierung in Athen verhandelt. Dabei haben sie einen Langmut gezeigt, der die Union bis an die Grenze der Selbstverleugnung geführt hat. Aber die Souveränität eines Landes endet dort, wo die Entscheidungen – und Versprechen – der eigenen Regierung Konsequenzen für andere Länder haben. Das gilt zumal in einer Währungsunion. Souveränität und Verantwortung können hier nur gemeinsam wahrgenommen werden. Wer diese Gemeinsamkeit aufkündigt, verrät die Demokratie.

Auch das Referendum, das Alexis Tsipras in der vergangenen Nacht angekündigt hat, ist kein Muster (basis-)demokratischer Entscheidungsfindung. Im Gegenteil, es ist der Missbrauch eines demokratischen Instruments zum eigenen Machterhalt. Ein letzter, verzweifelter Versuch, die Verantwortung für das eigene politische Tun zu verwischen. Es gehe bei dieser Abstimmung nicht um die Frage, ob Griechenland im Euro bleibe, hat Finanzminister Varoufakis allen Ernstes behauptet. Wer sein Volk derart in die Irre führt, hat selbst jede Legitimation verspielt.

Es geht auch nicht um den Bestand des Euro, schon gar nicht um den der Europäischen Union. Griechenland war seit dem Beginn der Finanzkrise ein Sonderfall, und hat sich im Lauf der vergangene Jahre immer weiter von den Partnern entfernt. Ein maroder Staat mit dysfunktionalen Institutionen und einer in weiten Teilen verantwortungslosen politischen Elite, die die Schuld für das eigene Ungenügen immer bei anderen sucht – aus diesem Teufelskreis ist auch Syriza nicht ausgebrochen, zum großen Unglück des Landes.

Was auch immer in den nächsten Tagen und Wochen geschieht, es wird höchste Zeit, dass die Griechen die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal übernehmen. Tun sie das, dürfen sie auch im Rest der EU wieder mit Unterstützung rechnen.